Wird China durch die Finanzkrise zur Supermacht?

Der chinesische Handel war der Motor. Wird er nun still stehen?

Hat die Wirtschaftskrise den Aufstieg Chinas unterstützt oder behindert? Und bringt sie China näher an die USA heran oder nicht? Ein Experte für chinesisch-amerikanische Beziehungen, Professor Jing Men, untersucht diese Fragen.

Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Vereinigten Staaten. Wird das 21. Jahrhundert das Jahrhundert Chinas?

China befindet sich im Aufwind. Seit der Reformpolitik Ende der 1970er Jahre ist Wirtschaft Chinas im Schnitt um 9 Prozent pro Jahr gewachsen. China ist zum drittgrößten Wirtschaftsraum der Welt aufgestiegen. China hat die Vereinigten Staaten 2004 als größter Handelspartner Japans, 2008 als größter Handelspartner Indiens und 2009 als größter Handelspartner von Brasilien. China ist die größte Quelle von Importen in die Vereinigten Staaten, mit denen es 2008 einen Außenhandelsüberschuss von 266,3 Milliarden US-Dollar aufwies. Im selben Jahr überholte China Japan und wurde zum größten ausländischen Besitzer von amerikanischen Schuldverschreibungen.

Die Finanzkrise hat die Bedeutung von China für die Weltwirtschaft noch verstärkt. Angeblich besitzt das Land etwa Rücklagen in Auslandswährungen im Wert von 2 Billionen US-Dollar.

Die Finanzkrise hat die Bedeutung von China für die Weltwirtschaft noch verstärkt. Angeblich besitzt das Land etwa Rücklagen in Auslandswährungen im Wert von 2 Billionen US-Dollar. Diese riesige Rücklage an US-Währung steht im krassen Kontrast zu den USA, dessen Haushaltsdefizit in diesem Jahr wahrscheinlich die 2-Billionen-Marke knacken wird.

Das 586 Milliarden US-Dollar schwere Konjunkturprogramm der chinesischen Regierung belegte deren festen Willen, die Krise in Schach zu halten. Der chinesische Premier Wen sagte Anfang 2009, dass China ein zweites Konjunkturprogramm zur Förderung seiner Wirtschaft vorlegen würde, sollte sich dies als erforderlich erweisen. Auf dem G20-Gipfel erhellte, dass von China erwartet wird, eine größere Rolle in der Überwindung der Krise zu spielen.

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Die Entwicklung von China ist ein Thema, das zu ignorieren schwierig – und gefährlich – wäre.

Die chinesische Führung versucht nicht nur, Lösungen für die bereits entstandenen Probleme zu finden, sondern möchte auch herausfinden, warum diese Probleme überhaupt entstanden sind, um künftig ähnliche Probleme zu vermeiden.

Zhou Xiaochuan, der Chef der People’s Bank of China, denkt, dass die Mängel des internationalen Währungssystems in gewissem Maße durch die Schaffung einer neuen Welt-Reservewährung behoben werden könnten. Seine kontrovers diskutierte Idee alarmierte die Amerikaner, wurde aber still von vielen Europäern und Asiaten begrüßt. Obgleich Zhous Gedanke nicht darauf abzielt, die dominierende Rolle des Dollars in naher Zukunft abzulösen, könnte er eine Revolution im internationalen Währungssystem auslösen.

Parallel zur wachsenden wirtschaftlichen Macht Chinas hat das Land ebenfalls stetig seine Militärausgaben jährlich im zweistelligen Prozentbereich gesteigert. Es baut seine militärische Macht so auf, dass sie der wachsenden wirtschaftlichen Macht entspricht und insbesondere den Luft- und Seeraum des Landes verteidigen kann. Nach vielen Jahren der Diskussion innerhalb seiner Führung wird China voraussichtlich in den kommenden Jahren seinen ersten Flugzeugträger anschaffen.

Infolge dieses militärischen Aufbaus hat China nach und nach seine Muskeln spielen lassen und ist aktiver geworden. Zum ersten Mal seit der Ming-Dynastie hat China Schiffe zum Schutz seiner Handelsflotte ausgesandt, als zwei Zerstörer und ein Versorgungsschiff in ein Gebiet vor der somalischen Küste geschickt wurden. China hat außerdem mehrere militärische Übungen mit anderen Mitgliedern der Shanghai Cooperation Organisation durchgeführt.

Seit Anfang 2009 gab es verschiedene Berichte, dass chinesische Schiffe angebliche amerikanische Spionageschiffe im Südchinesischen Meer belästigt haben. Im Juni stieß ein chinesisches U-Boot mit einem Unterwasser-Sonarsystem zusammen, das von einem amerikanischen Zerstörer geschleppt wurde, der sich im Südchinesischen Meer befand, um an einer gemeinsamen Übung mit den ASEAN-Mitgliedstaaten teilzunehmen.

Mancherorts wurde bereits behauptet, dass die Rolle der Vereinigten Staaten in der Weltwirtschaft abnimmt, wobei China an die Stelle der USA als weltweite Führungsmacht treten würde. Die Finanzkrise scheint China eine goldene Gelegenheit zu bieten, diesen Trend zu untermauern.

Jüngst haben die BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) ihr erstes Gipfeltreffen organisiert. Die vier Länder, die die internationale Krise als Gelegenheit für eine Neuordnung der internationalen wirtschaftlichen und politischen Ordnung sehen, brachten ihren Ehrgeiz und ihre Bereitschaft zum Ausdruck, sich aktiver an internationalen Angelegenheiten zu beteiligen. China ist zweifellos das einflussreichste dieser vier Länder, doch das BRIC-Format kann eine gute Plattform für China sein, um mit den USA und Europa über Themen wie die nachhaltige Entwicklung, die globale Erwärmung, den Weltfrieden und Stabilität zu verhandeln.

Mancherorts wurde bereits behauptet, dass die Rolle der Vereinigten Staaten in der Weltwirtschaft abnimmt, wobei China an die Stelle der USA als weltweite Führungsmacht treten würde. Die Finanzkrise scheint China eine goldene Gelegenheit zu bieten, diesen Trend zu untermauern. Während man nicht leugnen kann, dass China sich im langfristigen Trend im Aufwind befindet, wird die aktuelle Finanzkrise den Aufstieg Chinas nicht maßgeblich zu Lasten der Interessen der Vereinigten Staaten erleichtern.

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Chinas Top-Priorität ist seine eigene wirtschaftliche Entwicklung sowie die regionale Stabilität

Warum nicht? Zunächst einmal ist die Finanzkrise eine Herausforderung sowohl für die USA als auch für China. Die Tatsache, dass China der größte Eigentümer von US-Schuldverschreibungen ist, unterstreicht lediglich, dass die beiden Staaten im selben Boot sitzen. Beide müssen diese große wechselseitige Abhängigkeit akzeptieren und sich koordinieren. Und China wird gezwungen sein, weitere amerikanische Schuldverschreibungen zu kaufen, ob es nun wolle oder nicht.

Obwohl der chinesische Premier Wen Anfang des Jahres seine Sorgen bezüglich des Werts der amerikanischen Schuldverschreibungen zum Ausdruck brachte, weiß er, dass deren Wert noch drastischer sinken würde, falls China keine weiteren amerikanischen Schuldverschreibungen kaufte. China muss den Vereinigten Staaten helfen, um sich selbst zu helfen. Zum anderen aber scheinen weder der Euro noch der Yen als Alternativen bereit zu stehen, wenn China auf der Suche nach anderen Währungen ist, in die es investieren könnte.

Des Weiteren wird die Wirtschaft Chinas durch Exporte angetrieben. Der drastische Rückgang der Nachfrage aus den USA, der Europäischen Union und Japan aufgrund der Finanzkrise hat sich unmittelbar auf den chinesischen Außenhandel ausgewirkt, der im Mai 2009 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 25,9 Prozent geschrumpft ist. Viele exportorientierte Unternehmen sind bankrott gegangen und über 20 Millionen Arbeitnehmer haben ihren Arbeitsplatz verloren.

Die Finanzkrise konfrontierte die chinesische Regierung mit Fragen: Wie kann man den Verbrauch effektiv stimulieren? Wie kann man Arbeitsplätze für die entlassenen Arbeitnehmer schaffen? Wie kann man eine nachhaltige Entwicklung aufrechterhalten? Peking steht unter enormem Druck, das achtprozentige Wachstum seines BIP aufrechtzuerhalten, andernfalls würden gewaltige soziale Probleme entstehen. Selbst wenn die Probleme kurzfristig gelöst werden, wird das Problem der nachhaltigen Entwicklung langfristig für die chinesische Regierung eine Herausforderung darstellen.

China wird sich um die nachhinkenden politischen und sozialen Reformen kümmern müssen, um ein umfassendes Wohlfahrtssystem aufzubauen, das dem chinesischen Volk eine vernünftige soziale Sicherheit bietet. Nur wenn die Sorgen der chinesischen Bevölkerung zu Themen wie Ausbildung, Krankenversicherung und Renten ausgeräumt werden, kann der Inlandskonsum effektiv stimuliert werden. Dies wird jedoch nicht über Nacht geschehen.

Am wichtigsten ist aber schließlich, dass China weder den Ehrgeiz noch die Fähigkeit hat, die Führungsrolle der Vereinigten Staaten an sich zu reißen. Im Vergleich zu der Supermacht der USA ist China nur eine regionale Macht. Sowohl die Kosten als auch die Risiken sind für Peking zu hoch – es kann nicht auf so vielen internationale Gebieten tätig werden wie die USA, von Irak bis Afghanistan, von Iran bis Nordkorea.

Wenn sie ordentlich gemanagt wird, wird Chinas „harte“ und „weiche“ Macht auch nach der Finanzkrise weiter wachsen – doch nicht an jene der USA heranreichen.

Mit größerer Macht in der Welt geht auch mehr Verantwortung einher. Aber China ist noch nicht bereit, so große internationale Verantwortung zu übernehmen. Chinas Top-Priorität ist seine eigene wirtschaftliche Entwicklung. Was für China am wichtigsten ist, sind Frieden und Stabilität in der Region. Obwohl China sich im Aufwind befindet, kann es nicht die Rolle übernehmen, die die USA in internationalen Angelegenheiten gespielt haben.

In der Tat hat die von den Vereinigten Staaten geformte wirtschaftliche und politische Ordnung ein Umfeld geschaffen, das Chinas Entwicklung begünstigt. China hat sich den USA angeschlossen und enormen Nutzen aus dem von den USA aufrechterhaltenen internationalen System gezogen. Aufgrund der Vorteile, die Peking daraus entstehen, hat es Interesse daran, sich weiterhin der Führung von Washington unterzuordnen.

Wenn sie ordentlich gemanagt wird, wird Chinas „harte“ und „weiche“ Macht auch nach der Finanzkrise weiter wachsen – doch nicht an jene der USA heranreichen. China muss den USA verdeutlichen, dass China kein Konkurrent, sondern ein Partner ist – sowohl im eigenen Interesse als auch im Interesse der ganzen Welt.

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