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Konfliktlösung: Afghanen packen es selber an

Afghanen finden zu ihren örtlichen Traditionen bei der Lösung von Konflikten wieder.

Christian Dennys beschreibt seine eigenen Erfahrungen damit, wie die Afghanen selbst für Recht und Ordnung durch örtliche Räte sorgen. Er denkt, dass die Unterstützung dieses inoffiziellen Systems langfristig wichtig ist, bis Afghanistan sich erneut ein gut funktionierendes Rechtssystem zugelegt hat.

Anfang 2008 hatte Qala-i Farhad, ein Dorf in den Ebenen nördlich von Kabul, mit einer Reihe von Landkonflikten zu kämpfen, einige zwischen Familien vor Ort, andere mit Dörfern in der Nachbarschaft. In jener Zeit arbeiteten die örtlichen Friedensräte mit allen Parteien zusammen – auch mit Jugendlichen, die ihre Eltern dazu brachten, ihre Konflikte zu lösen und geeignete, gerechte Lösungen zu finden. Die lokalen Konflikte sind in Kalakan (Link) noch vorhanden aber seit der Einführung der Friedensräte gibt es zumindest eine Instanz, wo sie gelöst werden können.

Die Art von Konflikten wie in Qala-i Farhad ist in zahlreichen Ländern festzustellen. Was sie dermaßen bedeutend in Afghanistan macht, ist das Fehlen effizienter gerichtlicher Mittel, die vielen Afghanen versagt bleiben. Mangels einer Basisjustiz greifen sie auf inoffizielle Mittel zur Lösung von Konflikten zurück. In Qala-i Farhad wurden diese Konflikte über Mitglieder des örtlichen Friedensrates beigelegt, die speziell auf gewaltfreie und nicht diskriminierende Konfliktlösung von einer wohltätigen Organisation, der Cooperation for Peace and Unity (CPAU), ausgebildet worden waren.

Der fehlende Zugang zur Justiz ist eine Belastung für viele Afghanen. Es ist eine Binsenwahrheit, dass die Reform des offiziellen Justizsystems jahrelang dauern wird. Es gibt aber keinen Plan, Gerichtsdienste außerhalb des offiziellen Systems zu bieten. Die Mehrzahl der Afghanen wird folglich nicht einmal eine Basisjustiz in den nächsten Jahren in Anspruch nehmen können.

Die Dringlichkeits- und Verfassungs-Loya-Jirgas (oder Großen Jirgas) 2002 und 2003 waren eine Form der Konfliktlösung auf nationaler Ebene.

Inoffizielle Justizsysteme bestehen bereits in fast allen Gemeinschaften. Sie werden meist als Jirga oder Shura bezeichnet, was einfach „Rat“ bedeutet. Es gibt in den Gemeinschaften eine alte Tradition der Konfliktlösung nach eigenen Gesetzen, z.B. Pashtunwali, die vornehmlich in den Paschtunengebieten zum Tragen kommen. Andere Gemeinschaften verwenden andere Begriffe, doch sind die Elemente der inoffiziellen Konfliktlösung weitgehend identisch. Die Räte ermöglichen dem Kläger die Einreichung einer Klage oder einer Forderung, während der Beklagte auf die Klage reagieren kann. Die Vertreter der Gemeinschaft, meist örtliche Ältere, Landbesitzer und religiöse Führer, treffen die Entscheidungen, zum Beispiel Bußgeldzahlung, Neuverteilung von Grundstücken oder gemeinsame Vereinbarungen über die Benutzung von öffentlichen Ressourcen, zum Beispiel Wasser.

Es gibt viele Beispiele von Konflikten, die auf diese Weise gelöst wurden. Die Dringlichkeits- und Verfassungs-Loya-Jirgas (oder Großen Jirgas) von 2002 und 2003 waren eine Form einer Konfliktlösung auf Landesebene. Jirgas und Shuras werden im Normalfall nicht auf nationaler Ebene abgehalten, sondern befassen sich mit Alltagsdingen der Afghanen. Die Forschung des CPAU auf dieser Grundlage zeigen auf, dass die Konfliktlösungen in erster Linie Land (36%), Wasser (14%), Heiraten/Scheidungen (15%) und Schulden (15%) neben einer Bandbreite von privaten Konflikten, zum Beispiel Autounfällen (20%), betreffen.

Die lokalen Räte befassen sich mit lokalen Angelegenheiten. Die CPAU-Forschung ergab, dass die Ebenen der lokalen Konflikte in engem Zusammenhang mit dem Bestellzyklus der Ländereien stehen. Konflikte entstehen am häufigsten in der Pflanzungs-, Bewässerungs- und Erntezeit. Die Reaktionsschnelligkeit der Räte wird von den Afghanen hoch geschätzt. Es ist etwas anderes als ihre Erfahrungen mit dem amtlichen System, in dem Entscheidungen lange Jahre brauchen und häufig erst nach Zahlung von Bestechungsgeldern erwirkt werden.

NATO/ISAF

Ein Dorfälterer aus dem Dorf Safidbarah begrüßt einen Soldaten des 207. Korps der afghanischen Regierungsarmee.

Obwohl es die streitenden Parteien sind, die um eine Sitzung des Rates ersuchen, haben Nicht-Regierungsräte, religiöse Führer und Nachbarn der Parteien nachweislich Gruppen oder Familien, die im Konflikt standen, dazu gebracht, sich an den Rat zu wenden. Selbst örtliche Regierungsbeamte haben verstanden, dass oftmals der beste Ort für eine Konfliktlösung, auch von Straftaten wie Raub oder tätlicher Angriff, das inoffizielle Justizsystem ist.

So hörte ein Friedensratsmitglied, dass ein Mann beim Distriktgouverneur und beim örtlichen Richter geklagt habe, der Ehemann seiner Schwester habe Gewalt gegen letztere angewandt. Weil der Fall ineffizient behandelt zu werden drohte, bat der Friedensrat darum, ob er nicht als Schlichter eine Lösung zwischen Bruder und Schwager und in dem Paar erwirken könne. Nach mehreren Sitzungen gestand der Schwager/Ehemann seinen Fehler ein, entschuldigte sich und versöhnte sich mit seiner Ehegattin und seinem Schwager.

Das heißt nicht, dass die Familie nicht mehr Hilfe benötigt, damit sich häusliche Gewalt nicht mehr einstellen wird, doch die Lösung wurde rasch angewendet und bewirkte eine Änderung des Verhaltens des Beklagten.

Es ist klar, dass Verbesserungen der lokalen Konfliktlösungen durch Ausbildung und Bewusstseinsbildung der Ratsmitglieder vorrangig von Seiten afghanischer Organisationen oder der afghanischen Regierung kommen müssen.

Lokale Konflikte sind nicht vor den Veränderungen im Rest des Landes gefeit. Auch sie werden von der Instabilität, bewaffneten Konflikten, vom Drogenhandel, von Dürren und Völkerwanderungen beeinflusst. Ein Fall im Sayedabad-Distrikt in der Provinz Wardak betraf zwei Befehlshaber von Jihadi-Parteien, die sich beide den Entwicklungstätigkeiten auf ihrem Gebiet widersetzten, da diese anscheinend dem anderen allein Nutzen bringen würden. Dank entsprechender Ausbildung konnten die Leute vor Ort die Befehlshaber dazu bringen, beide an der Ausbildung teilzunehmen. Die Ausbildungstage waren angespannt, aber als beide im selben Raum zusammensaßen, begannen die beiden sich besser zu verstehen. Am Ende ihrer Ausbildung wollten sie sich beide gemeinsam für die Entwicklung ihres Distrikts einsetzen.

Lokale Konfliktlösungsverfahren sind nicht immer kurz und bündig. Es kommt nicht immer zu angemessenen Entscheidungen. Zahlreiche Gruppen, die an der Konfliktlösung beteiligt sind – Jirgas und Shuras -, haben sich im Zuge der Konflikte in den vergangenen 30 Jahren geändert und verteidigen nicht immer die Interessen der Gemeinschaft, sondern die mächtiger Einzelpersonen. Zudem haben Jirgas und Shuras nicht immer die Standpunkte von Frauen und Randgruppen, zum Beispiel von Jugendlichen, in ihrer Entscheidungsfindung berücksichtigt – zu sehr waren sie in lokalen und religiösen Traditionen verhaftet.

NATO/ISAF

Afghanische Älteste sind fester Bestandteil von Urteils- und Konfliktlösungsverfahren in Afghanistan.

Es ist klar, dass Verbesserungen der lokalen Konfliktlösungen durch Ausbildung und Bewusstseinsbildung der Ratsmitglieder vorrangig von Seiten afghanischer Organisationen oder der afghanischen Regierung kommen müssen. Beide können parallel zu den Räten ihre Kompetenzen verbessern. Die Ausbildung eines Friedensrates von 25 Mitgliedern kostet sehr wenig, ermöglicht den Gemeinschaften jedoch den Zugang zur Justiz. Wichtig auch, weil es im offiziellen Justizsystem Jahre dauert, bis die Gerichte, Richter und Polizeibeamten ausgebildet und in ihren Aufgaben gefestigt sind.

Oftmals wird in der internationalen Gemeinschaft vergessen, dass Entwicklung und Hilfe ebenfalls Konflikte heraufbeschwören können. Erfahrungen in Wardak und Badakhshan haben gezeigt, dass Friedensräte um Hilfe als Schlichter in Konflikten gebeten wurden, wo es sehr häufig um Wasser- und Bewässerungsprojekte, die von Programmen wie dem Nationalen Solidaritätsprogramm finanziert worden waren, ging.

Die Rolle der internationalen Gemeinschaft bei den Konfliktlösungen und lokalen Räten ist eine schwierige. Der einfachste und beste Weg wäre, zuzusehen, dass bei Entwicklungs- und Hilfsprogrammen die Grundsätze des „keinem Schaden zufügen“ und der Konfliktvermeidung beachtet werden. Direkt in die Räte eingreifen, ist problematisch. Die Ratsmitglieder möchten nicht das Gefühl haben, dass sie von der internationalen Gemeinschaft bezahlt oder eingesetzt werden. Sie sind oft im Rat, weil sie im Dienste ihrer Gemeinschaften stehen und Recht sprechen möchten.

Eine wichtige Aufgabe wäre die Unterstützung von Ausbildern oder Organisationen, die den Räten zusätzliche Kompetenzen verschaffen können. Indirekte Hilfe war bisher ungenügend; es gibt noch viel mehr zu tun, um die Konfliktlösungen an der Basis zu erweigern, damit dem Grundbedürfnis der Afghanen, nämlich Gerechtigkeit, entsprochen wird.

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