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2009: Zwei Fragen, 12 Vorhersagen

Sechs führende Fachleute äußern ihre Ansichten zu den wichtigsten Sicherheitsproblemen 2009.

Karel Lannoo, Chief Executive Officer, Centre for European Policy Studies

Karel Lanoo

Was wird 2009 ein ausschlaggebendes Sicherheitsproblem sein?

Zentralafrika wird zu einer noch akuteren Bedrohung werden; es gibt keine Anzeichen für eine Lösung und niemand möchte Truppen entsenden. Ich denke ebenfalls, dass die Probleme in der Region um das Schwarze Meer weiterhin bestehen werden, wobei es möglich ist, dass sie sich über Georgien hinaus auf andere Länder in der Region ausweiten. Es gibt in dieser Gegend zahlreiche potenzielle Konfliktquellen.

Wer wird 2009 eine Schlüsselrolle auf dem Gebiet der Sicherheit spielen?

Dies ist sehr schwer zu sagen, aber ich denke, dass Carl Bildt vielleicht eine herausragende Rolle zukommt, da sein Land in der zweiten Jahreshälfte 2009 die EU-Präsidentschaft übernimmt. Er könnte wichtig sein, weil er sich nicht gerne herumschubsen lässt, international sehr gut bekannt ist und gute Kenntnisse von Themen wie den Beziehungen zu Russland aufweist.

Tony Barber leitet das Brüsseler Büro der Financial Times

Tony Barber

Was wird 2009 ein ausschlaggebendes Sicherheitsproblem sein?

Die größte Bedrohung der globalen Sicherheit 2009 wird die fortwährende Finanzkrise sein, die mit einer Wirtschaftsrezession in großen Teilen der Welt Hand in Hand geht. Diese Unruhe läuft Gefahr, wirtschaftliche nationalistische, protektionistische, populistische Kräfte und Globalisierungsgegner auf eine Weise zu mobilisieren, die den Multilateralismus massiv schädigen und die Umwandlung der Welt in eine Arena mehrerer miteinander konkurrierender Machtzentren beschleunigen könnte. Es wird besonders wichtig sein, die Auswirkungen dieser Unruhe auf die chinesische Einstellung zur Zusammenarbeit mit den USA und der Europäischen Union auf den Gebieten der Wirtschaft, des Klimawandels und der breiter gefassten internationalen Sicherheitsthemen zu beobachten. Der wirtschaftliche Tumult wird es ebenfalls schwieriger machen, die Spannungen auf dem indischen Subkontinent und im Nahen Osten zu verringern. Die Gefahr einer bösen Überraschung kann in einem großen verbündeten oder befreundeten Staat wie der Türkei oder Ägypten entstehen.

Wer wird 2009 eine Schlüsselrolle auf dem Gebiet der Sicherheit spielen?

Die wichtigsten Akteure auf dem Gebiet der globalen Sicherheit werden die USA und ihr Präsident Obama sein. Bis Ende 2009 dürfte die Regierung Obama der US-Politik gegenüber dem Irak, Afghanistan und Iran ihren ganz eigenen Stempel aufgedrückt haben. Die große Frage ist, in welchem Maße die Finanzkrise und die Wirtschaftsrezession die Fähigkeit der USA einschränken werden, zu handeln, wie sie dies möchten. Es besteht die Möglichkeit, dass die US-Politik gegenüber dem Iran grundlegend überdacht wird und die Idee eines „großen Abmachung“ wiederbelebt wird, wobei dem Iran Sicherheitsgarantien und das implizite Versprechen einer regionalen Führungsrolle gegeben werden im Austausch gegen eine Aufgabe seiner nuklearen Ambitionen und seiner extremen anti-israelischen Propaganda. Der tatsächlichen Umsetzung einer solchen Revision der Politik stehen jedoch gewaltige Hindernisse im Weg.

Professor Dr. Michael Brzoska ist der Leiter des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik, Hamburg, und Vorsitzender des International Security Information Service

Professor Dr. Michael Brzoska

Was wird 2009 ein ausschlaggebendes Sicherheitsproblem sein?

Afghanistan und insbesondere die Frage, wie wir mit dem Aufstand dort umgehen, wird eine Schlüsselrolle spielen. Wenden wir eine Strategie zur Bekämpfung des Aufstands an, werden wir uns weiter durchwursteln oder werden wir unsere Strategie umkehren, uns auf die Region konzentrieren und nahezu alle politischen Kräfte beteiligen – mit Ausnahme von Kräften wie Al-Qaida?

Wer wird 2009 eine Schlüsselrolle auf dem Gebiet der Sicherheit spielen?

Ich denke, dass General Petraeus eine Schlüsselrolle spielen wird – ein kluger Mann, der die dem Problem im Irak zugrunde liegenden Themen begriffen hat. Obwohl ich nicht überzeugt bin, dass das Land vollständig stabilisiert ist, könnte es sein, dass General Petraeus eine Strategie findet, die die Zeitbombe „Afghanistan“ entschärft.

Giles Merritt ist Direktor von „Security and Defence Agenda“ und Herausgeber von „Europe's World“

Giles Meritt

Was wird 2009 ein ausschlaggebendes Sicherheitsproblem sein?

Die wohl grundlegendste Bedrohung ist der fortwährende Dissens innerhalb des Westens, insbesondere das Versäumnis der EU, eine positive neue Verteidigungs- und Sicherheitsbeziehung zu den USA aufzubauen, welche die Rivalität zwischen der ESVP und der Nato beenden und die europäische und amerikanische Analyse der Bedrohungen abgleichen würde. Wenn Europa nicht auf seinen bisherigen Anstrengungen im Rahmen der ESVP aufbaut und wenn die Regierung Obama keine effektive Antwort auf den verbreiteten internationalen Widerstand gegen die US-Politik findet, so wird die Fähigkeit des Westens, globale Sicherheitsrisiken zu stabilisieren, bedrohlich reduziert.

Wer wird 2009 eine Schlüsselrolle auf dem Gebiet der Sicherheit spielen?

Europa muss seine Gesamtanstrengung in Afghanistan intensivieren und ihre diplomatische Führerrolle gegenüber Iran aufrechterhalten. Die USA müssen sich wieder mit den Vereinten Nationen kurzschließen und ihren Dialog mit den europäischen Mächten zu einer breiteren Themenpalette ausweiten, darunter auch Themen wie Nahost, Russland und China.

Dr. Ian Goldin war Vizepräsident der Weltbank und ist ein ehemaliger Berater von Nelson Mandela.

Dr. Ian Goldin

Was wird 2009 ein ausschlaggebendes Sicherheitsproblem sein?

Die Antwort hängt von der Bedeutung des Begriffs Sicherheit ab. In meinen Augen würde eine umfangreiche Definition die Gefahr eines bioterroristischen Angriffs einschließen, welcher entweder von einer Terroristengruppe oder von einem einzelnen Fanatiker, der ohne klares politisches Motiv handelt, ausgeführt werden kann. Ein Terrornetzwerk hat die Fähigkeit, Chaos zu stiften, doch selbst eine einzelne zwar geistesgestörte, aber fähige Person könnte eine Bio-Bombe basteln. Daher mache ich mir wegen verrückter Einzelpersonen ebenso Gedanken wie wegen bekannter und unbekannter Terroristengruppierungen. Wenn man Fragen zu den Zutaten stellt, die für Bioterrorismus benötigt werden, so kann man sehen, dass sich eine Lösung abzeichnet, aber es muss eine globale Lösung sein.

Wer wird 2009 eine Schlüsselrolle auf dem Gebiet der Sicherheit spielen?

Der wichtigste einzelne Akteur könnte die Person sein – vielleicht ein Geschäftsreisender, ein Wanderarbeiter, ein Tourist –, die den pathogenen Wirkstoff mit sich führt, welcher zu einer katastrophalen globalen Pandemie führt. Diese Gefahr kann von überall kommen und wir benötigen bessere Überwachung auf globaler Ebene, insbesondere um potenzielle Pandemien möglichst nahe an der Quelle zu identifizieren und einzudämmen. Die Weltgesundheitsorganisation benötigt zusätzliche Ressourcen, um Pandemien im Keim zu ersticken. Alternativ könnte der wichtigste Akteur die Person sein, die eine wachsende Pandemie erkennt und interveniert, um deren Ausweitung zu verhindern.

Gianfranco Pasquino ist Professor für Politikwissenschaften an der Universität Bologna und Senior Adjunct Professor of European Studies am Bologna Center der Johns-Hopkins-Universität

Gianfranco Pasquino

Was wird 2009 ein ausschlaggebendes Sicherheitsproblem sein?

Die größte Bedrohung der globalen Sicherheit wird 2009 weiterhin der globale Terrorismus sein. Al-Qaida ist zu einem „Markennamen“ geworden und viele „terroristische“ Gruppen üben sich angeblich im Franchising. Es gibt aber viele Gruppen, die aus unterschiedlichen Gründen auf terroristische Aktivitäten zurückgreifen und unterschiedliche Ziele verfolgen und die glauben, dass eine Verbindung zu Al-Qaida ihre Sichtbarkeit, ihr Prestige und ihr Rekrutierungspotenzial verbessert. Daneben scheinen sich die „Schauplätze“ des Terrorismus vervielfältigt zu haben. Die Situation in Afghanistan verbessert sich sicherlich nicht. Im Irak haben die Terroristen vielleicht gerade einen taktischen Rückzug beschlossen oder halten sich einfach zurzeit bedeckt. In Indien scheinen einige Gruppen höchst motiviert zu sein und über beträchtliche Ressourcen zu verfügen. Hamas und Hisbollah sind auf ihrem jeweiligen Gebiet weiterhin starke Akteure und verspüren möglicherweise das Bedürfnis, ihre Stellung zu untermauern, bevor neue Verhandlungen zwischen Israel und der palästinensischen Autonomiebehörde aufgenommen werden. Gerade weil ihre Aktionen nicht von irgendeinem versteckten Führer kontrolliert werden und nicht von einem einzelnen „Zentrum“ aus koordiniert werden können, werden internationale und länderübergreifende Terroristen die bedeutendste Bedrohung der globalen Sicherheit im Jahr 2009 darstellen.

Wer wird 2009 eine Schlüsselrolle auf dem Gebiet der Sicherheit spielen?

Falls Präsident Obama seine Versprechen einlöst – und ich habe keinen Grund zur Annahme des Gegenteils, wird es nicht nur EINEN wichtigsten Akteur geben. Es gibt keine Reaktion eines einzelnen Staates (auch nicht von einem so mächtigen Player wie den USA), welche die globale Sicherheitslage verbessern kann. Es ist üblich, die magere Rolle der Europäischen Union zu beklagen und zu empfehlen, dass einige moderate arabische politische Systeme und Führer in Nahost zu dem Prozess zum Erhalt besserer nachrichtendienstlicher Erkenntnisse zwecks Bekämpfung der Terroristen hinzugezogen werden. Der globale Terrorismus ist ein politisches Projekt, das nicht durch die bloße Verbesserung der Lebensumstände in manchen Gegenden besiegt werden kann. Nur eine zweiseitige Aktion, bessere Informationen und chirurgisch präzise Repression können die Bedingungen schaffen, unter denen auch jene Staaten, die nun wohl oder übel die Terroristen beherbergen, sich zur Zusammenarbeit entschließen könnten. Der neue Präsident der USA hat die Gelegenheit, seine ersten Wochen dazu zu nutzen, für mehr Zusammenarbeit zu werben.

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