SPRACHE
Übersetzungsbedingt geht die deutsche Ausgabe des NATO Briefs etwa zwei Wochen nach der englischen Fassung online.
Über den NATO Brief
Anweisungen zur Unterbreitung von Beiträgen
Urheberrechtliche Informationen
Das Redaktionsteam
 RSS
Diesen Artikel an einen Freund senden
NATO Brief abonnieren
  

Die Öffentlichkeit im Westen muss sich für Afghanistan interessieren - und zwar bald

Marco Vincenzino denkt, dass die Öffentlichkeit in den NATO-Bündnisstaaten das Interesse am Krieg in Afghanistan verliert. Und er vertritt den Standpunkt, dass der Krieg verloren werden könnte, wenn das Interesse der Öffentlichkeit schwindet und der Krieg nicht mehr von der Öffentlichkeit unterstützt wird.

Letzten Endes wird die Zukunft Afghanistans weitgehend davon abhängen, ob seine Zentralregierung den hohen Anforderungen der afghanischen Öffentlichkeit werden kann – oder zumindest den Eindruck erwecken kann, diesen gerecht zu werden. Wenn sie dies nicht schafft, wäre die Möglichkeit, dass die Zentralregierung einen unumkehrbaren Legitimitätsverlust erleidet, eine der größten langfristigen Bedrohungen eines „Erfolgs“ in Afghanistan.

Obgleich die internationale Gemeinschaft weiterhin ihr Engagement in den meisten Sektoren verstärken könnte, kann hierdurch bestenfalls nur Zeit für Afghanistan gewonnen werden. Nichtsdestotrotz benötigt die afghanische Öffentlichkeit die Sicherheit, dass das Engagement der internationalen Gemeinschaft dauerhaft, kohärent und zuverlässig bleiben wird. Erinnerungen an die internationale Vernachlässigung nach dem Rückzug der Sowjetarmee und an den Aufstieg der Taliban sind bei vielen Afghanen noch sehr lebendig.

Wie engagiert setzt sich also die internationale Gemeinschaft für Afghanistan ein? Obgleich das Niveau der Unterstützung von einem Land zum anderen schwankt, sind die Zeichen insgesamt nicht sehr ermutigend, besonders nicht für die Afghanen auf der Strasse.

Zum einen war es extrem schwierig, zusätzliche Mittel und Bedarfsgüter von NATO-Bündnisstaaten für Afghanistan zu erhalten. In vielen NATO-Staaten brachen wilde Debatten in den Parlamenten, den Medien und der Öffentlichkeit aus. Obwohl alle 40 in Afghanistan beteiligten Nationen in irgendeiner Form Unterstützung bieten, sind die Bemühungen und Ressourcen insgesamt für die Mission weiterhin unzureichend. So müssen beispielsweise die US-amerikanischen, britischen, kanadischen und niederländischen Truppenkontingente immer noch die meisten heftigen Kämpfe im Süden und Osten Afghanistans allein schultern.

Die Drohung, dass die Parlamente der NATO-Staaten die Mandate nicht über die nächsten paar Jahre hinaus verlängern, ist weiterhin real, da die öffentliche Unterstützung in vielen NATO-Staaten schwindet. Dies liegt weitgehend daran, dass die politische Führung keinen direkten Dialog mit der Öffentlichkeit führen, um die Bedeutung und den Umfang der Mission zu erklären. Dieses Versagen – oder besser gesagt: dieser fehlende Wille – ist vor allem zurückzuführen auf die Angst der Politiker, bei den nächsten Wahlen abgestraft zu werden.

Viele Leute müssen daran erinnert werden, dass die Anschläge vom 11. September weitgehend von Afghanistan ausgingen und dass das Gebiet weiterhin eine regionale und internationale Bedrohung darstellt

Das vorrangige Problem, das die bloße Existenz der NATO auf die Probe stellt, ist die Mission in Afghanistan. Leider werden diesem Problem in den NATO-Staaten noch immer nicht die angemessene Aufmerksamkeit oder die kritischen Diskussionen, die es verdient, gewidmet. Obwohl manche Länder in den jüngsten Monaten eine Erweiterung ihres Beitrags angekündigt haben, ist ein größeres Engagement erforderlich, um die langfristige öffentliche Unterstützung sichzustellen, damit die internationale Mission in Afghanistan nachhaltig und erfolgreich sein kann.

In den USA wird dem Thema Afghanistan nur begrenzte Aufmerksamkeit geschenkt, da die heimischen Themen weiterhin die Debatten im Präsidentschaftswahlkampf dominieren. Die US-Steuergelder, die in Afghanistan ausgegeben werden, sind im Vergleich zum Aufwand für den Irakkrieg relativ gering. Da die Afghanen der ausländischen Anwesenheit im Allgemeinen positiv gegenüberstehen und da sie bereit sind, selbst Verantwortung an der Front zu übernehmen, ist dieser Konflikt weitaus weniger kontrovers als jener im Irak.

Für all jene, die sich nicht für Außenpolitik interessieren, ist der Konflikt in Afghanistan zu einem „Krieg vergangener Tage“ geworden. Wer sich ein wenig interessiert, sieht den Konlikt als den „anderen Krieg“, der hin und wieder mal für kleinere Berichte als Kontrast zum Irakkrieg oder für Schlagzeilen über ein grausiges Selbstmordattentat oder einen Taliban-Angriff sorgt.

Die politischen Verantwortlichen auf beiden Seiten des Atlantik tragen die Verantwortung, einen breiter angelegten Dialog mit der Öffentlichkeit betreffend den Konflikt in Afghanistan in die Wege zu leiten. Dies setzt eine aufschlussreiche und wesentliche Diskussion voraus, die über nüchterne Nachrichten und blumige Rhetorik hinausgeht.

Was hier auf dem Spiel steht, wird die nationale Sicherheit, die internationale Stabilität und künftige Generationen in den USA und deren Bündnispartnerstaaten beeinflussen. Viele Leute müssen daran erinnert werden, dass die Anschläge vom 11. September weitgehend von Afghanistan ausgingen und dass das Gebiet weiterhin eine regionale und internationale Bedrohung darstellt.

Die politischen Führungsfiguren stehen in der Pflicht, einen zeitlichen Rahmen grob abzustecken und den Umfang der Operation zu verdeutlichen. Es muss betont werden, dass der Kampf in Afghanistan und anderen Teilen der Welt mindestens eine Generation lang Ressourcen und Engagement verlangt. Mangelnde Unterstützung zu Hause in den USA und in Europa wird die afghanische Öffentlichkeit maßgeblich entmutigen, die durch Worte und vor allem durch Taten davon überzeugt werden muss, dass eine langfristige Unterstützung vorhanden ist und nachhaltig ist.

Ziel ist es, kurzfristig Zeit zu gewinnen, um das langfristige Ziel zu verfolgen, dass die Afghanen autarker werden und in allen Bereichen – vor allem im Sicherheitsbereich – selbst die Kontrolle übernehmen. Nach drei Jahrzehnten des Kriegs scheint diese Aufgabe überwältigend, doch ist ein Erfolg durchaus nicht unmöglich.

Informationen… und Ergebnisse

Um die öffentliche Unterstützung aufrechtzuerhalten, muss die politische Führung regelmäßig und nicht nur sporadisch Fortschrittsberichte abgeben, insbesondere im nicht- militärischen Bereich. Die Menschen wollen sehen, was mit ihren Steuergeldern erzielt wurde.

In den USA wird dies durch systemimmanente Schwierigkeiten noch erschwert, insbesondere aufgrund des Mangels an nicht-militärischen Know-how seitens der US-Regierung. Es gibt ebenfalls kurzfristige Entsendungen von Experten zu spezifischen Standorten in Übersee; dies bedeutet, dass die Entsendung eines Experten – so denn einer gefunden wird – häufig nicht länger als ein Jahr dauert, was ausreichend finanzierte Programme in Sektoren wie Landwirtschaft, Bildung, Gesundheit und Rechtsstaatlichkeit häufig behindert. Dieser Mangel an Kompetenz und an Kontinuität hat die Fähigkeit, über die Fortschritte oder Unzulänglichkeiten von Programmen zu berichten, gehemmt.

An der US-Heimatfront hat sich ebenfalls eine Kluft zwischen der amerikanischen Öffentlichkeit und Mitgliedern der Streitkräfte gebildet, insbesondere in der Armee und bei den Marines. Viele Militärs sehen die einfachen Bürger als völlig losgelöst von ihrer Lebensrealität, die direkte Kampfhandlungen, lange Dienstzeiten und Belastungen für das Familienleben umfasst.

Nach den hohen Erwartungen, die die Architekten des Irakkriegs geweckt hatten, ist es verständlich, dass viele einfache Amerikaner militärischen Engagements in Übersee nun argwöhnisch gegenüberstehen.

Hier spielt eine verantwortungsbewusste politische Führung eine wichtige Rolle.

Zum einen kann sie die ernsthaften Konsequenzen eines Versagens in Afghanistan erklären und der Mission so wieder zu mehr Glaubwürdigkeit verhelfen.

Zum anderen kann sie sowohl die öffentliche Unterstützung der Streitkräfte in den USA und die öffentliche Meinung in Afghanistan zu den langfristigen Absichten Amerikas und der NATO erneut absichern.

Eine Niederlage in Afghanistan würde die transatlantischen Beziehungen und die internationale Stabilität ernsthaft unterwandern, da die NATO eine Stütze der globalen Sicherheit ist

Außerdem müssen die politischen Verantwortlichen betonen, dass die USA und die NATO sich einen Verlust des Krieges in Afghanistan, das im Osten an das fragile Pakistan und im Westen an den immer selbstbewusster auftretenden Iran grenzt, nicht leisten können.

Eine Niederlage in Afghanistan würde die Glaubwürdigkeit und das Prestige der USA als Weltmacht weiterhin schwächen und die USA größeren internationalen Bedrohungen aussetzen.

Für die NATO könnte eine Niederlage in Afghanistan das Ende der erfolgreichsten militärischen Allianz der Geschichte bedeuten, nach dem ersten Einsatz, der über den direkten Perimeter des Bündnisses hinausgeht. Und eine Niederlage in Afghanistan würde die transatlantischen Beziehungen und die internationale Stabilität ernsthaft unterwandern, da die NATO eine Stütze der globalen Sicherheit ist und bleibt.

Für das afghanische Volk wäre eine Niederlage eine weitere, tragische versäumte Gelegenheit. Die Geschichtsschreibung würde festhalten, dass die Unverwüstlichkeit dieses Volkes und seine Anstrengungen zum Wiederaufbau der Nation nach 30 Jahren des Konflikts nicht von der internationalen Gemeinschaft getragen wurden, die zu viele Versprechen gab und zu wenige Versprechen einlöste.

Und schließĺich würde eine Niederlage in Afghanistan eine kollektive Niederlage aller Beteiligten bedeuten, mit beunruhigend unabsehbaren und irrationalen Folgen.

Dies untermauert den fundamentalen Bedarf an größerer Effizienz, vollständigem Engagement und einer dauerhaften Verpflichtung der internationalen Gemeinschaft in Afghanistan, hauptsächlich seitens der USA und ihrer NATO-Bündnispartner.

Während Diskussionen über die Erweiterung der NATO zweifellos wichtig sind, ist eine Stabilisierung in Afghanistan ein wesentlich kritischeres Ziel für das Bündnis – ein Ziel, das von allen Mitgliedern getragen werden sollte.

Niemand braucht an den 11. September erinnert zu werden. Aber müssen manche Leute daran erinnert werden, dass diese Anschläge von Afghanistan ausgingen?

Marco Vincenzino

Diesen Artikel mit anderen teilen:    DiggIt   MySpace   Facebook   Delicious   Permalink