PRTs in Afghanistan – ihre Entstehungsgeschichte und ihr weiterer Weg
Der Wiederaufbau von Schulen in Afghanistan ermöglicht nun einer größeren Zahl von Kindern eine Schulausbildung.
(© NATO)

Was ist ein PRT? „Provincial Reconstruction Teams“ sind kleine Gruppen, die sich aus militärischem und zivilem Personal zusammensetzen und in den Provinzen Afghanistans mit dem Ziel eingesetzt werden, sichere Rahmenbedingungen für Hilfsprogramme zu schaffen sowie die humanitäre Hilfe und den Wiederaufbau in Gebieten mit anhaltenden Konflikten bzw. hohen Sicherheitsrisiken zu unterstützen.

Wie viele PRTs gibt es? Es gibt 25, die auf viele Gebiete Afghanistans verteilt sind; 12 im Bereich des Regionalkommandos Ost, 5 im Bereich des Regionalkommandos Nord, 4 im Bereich des Regionalkommandos West und 4 im Bereich des Regionalkommandos Süd.

Von welchen Staaten werden sie geleitet? Von mehreren NATO-Staaten und von Neuseeland. Detaillierte Landkarte – bitte hier klicken.

Wann nahmen die PRTs ihre Arbeit auf? Im Januar 2003.

Im Kampf um die Herzen der Afghanen stehen die PRTs (Provincial Reconstruction Teams – Wiederaufbauteams in den Provinzen) häufig an vorderster Front. William Maley untersucht, wie sie sich entwickelt haben und was sie in Zukunft erwartet.
Als innovativer Ansatz zur Herbeiführung von Frieden und Sicherheit waren die PRTs in Afghanistan in hohem Maße eine Reaktion auf unvorhergesehene Umstände. Sie wiesen eine weitgehend neue Struktur auf, obwohl einzelne Elemente des PRT-Modells schon in Konflikten wie in Vietnam zur Anwendung kamen.

Das Afghanistan-Abkommen, das im Dezember 2001 in Bonn vereinbart wurde, sah den Einsatz einer internationalen Truppe (International Security Assistance Force) in Afghanistan vor. Da diesem Land eine glaubwürdige Armee oder Polizei fehlte, betrachtete man die ISAF als entscheidendes Mittel zur Beseitigung eines drohenden Sicherheitsvakuums in ländlichen Gebieten.

Leider untergrub die Politik der Truppensteller die Bonner Strategie. Aus diesem Grund und wegen der logistischen Schwierigkeiten bei der Entsendung der PRTs in alle Gebiete des von den Truppenstellern weit entfernten Afghanistans wurde die ISAF nur in Kabul disloziert. Erst zwei Jahre später und nachdem viel Dynamik verlorengegangen war, wurde im Oktober 2003 durch die Resolution 1510 der Vereinten Nationen eine Ausweitung der ISAF auf Gebiete außerhalb der afghanischen Hauptstadt genehmigt.

Während dieser beiden Jahre, in denen eine Ausweitung des ISAF-Operationsgebiets nicht zur Diskussion stand, suchte man nach anderen Möglichkeiten, auf dem Lande eine internationale Präsenz sicherzustellen, und so wurden die PRTs das Mittel der Wahl. Paradoxerweise sind die militärischen Komponenten der PRTs nun wieder der ISAF angegliedert, die wiederum der NATO untersteht.

Die Aufgabe, die ISAF als Sicherheitsgarant zu ersetzen, war nie leicht. Doch im Laufe der Zeit ist eins immer klarer geworden: Es gibt keine allgemeingültigen PRT-Erfahrungen. Vielmehr gibt es eine Reihe von Faktoren, die bestimmen, was die PRTs auf welche Weise erreichen können.

Erstens unterscheiden sich die PRTs hinsichtlich ihres Standortes und der spezifischen Sicherheits- und Entwicklungsbedürfnisse in ihrem jeweiligen Gebiet. So unterschieden sich die Erfahrungen des neuseeländischen PRT in Bamian sehr deutlich von denen der Kanadier in Kandahar.

Die Provinz Bamian ist geographisch klar abgegrenzt, weist ethnisch eine relativ große Homogenität auf und verfügt über einen gut funktionierenden Verwaltungsapparat mit einer Frau (dem einzigen weiblichen Gouverneur Afghanistans) an der Spitze, die in der Bevölkerung großen Rückhalt genießt. Dieses relativ risikoarme Umfeld bedeutet, dass das dortige PRT sichere Rahmenbedingungen schaffen konnte und weitgehend vermieden hat, in Aufgaben einbezogen zu werden, die eigentlich in die Zuständigkeit der afghanischen Stellen fallen.

Im Laufe der Zeit ist eins immer klarer geworden: Es gibt keine allgemeingültigen PRT-Erfahrungen.
In Kandahar sind die Bevölkerung und das PRT dagegen Angriffen militanter Taliban ausgesetzt, die Berichten zufolge sichere Zufluchtsorte in Pakistan als Ausgangspunkt für ihre Operationen nutzen. Die Provinzverwaltung kann in ihrer Bilanz nur auf sehr wenige Erfolge verweisen, und die Politik der Provinz ist durch heftige Rivalitäten zwischen den verschiedenen Gruppen gekennzeichnet, die um die Macht kämpfen. Folglich hat sich der Einsatz in Kandahar als sehr viel schwieriger erwiesen als der in Bamian. Dies zeigt sich auch bei einem Vergleich der Zahl der Todesfälle. Mehr als 40 kanadische Soldaten sind getötet worden, während das neuseeländische PRT bisher keinen einzigen Todesfall aufgrund eines feindlichen Angriffs zu verzeichnen hatte.

Zweitens unterscheiden sich die PRTs im Hinblick auf die Praxis und die militärische Kultur der beteiligten Staaten. Das Problem „nationaler Vorbehalte“ bezüglich der zulässigen Verwendungsweise des jeweiligen Personals ist für die Kommandeure in Afghanistan schon seit langem ein Anlass zu ernster Besorgnis. Diese Vorbehalte sind Ausdruck bedeutender weltanschaulicher Unterschiede der beteiligten Staaten. Sie spiegeln sich sowohl in der Organisationskultur der Streitkräfte dieser Staaten als auch darin wider, welche Aufgaben ihrer Ansicht nach für ihre PRTs angemessen sind.

Die Streitkräfte mancher Staaten plädieren z.B. für den Einsatz kinetischer Mittel, um eine glaubwürdige robuste Präsenz zu erreichen. Anderen erscheint dies vielleicht eher als ein Zeichen von Einfallslosigkeit und als Ausdruck des Unwillens, Verhandlungen als Mittel zur Erreichung konkreter Ziele zu nutzen.

Doch selbst bei einem PRT, an dem nur ein Staat beteiligt ist, kann ein Wechsel an der Spitze wesentliche Auswirkungen darauf haben, wie dieses PRT arbeitet. Die verschiedenen PRT-Kommandeure wissen unterschiedlich viel über das afghanische Umfeld und sie haben unterschiedliche Meinungen dazu, welche Aufgabe ein PRT haben sollte. Manche machen sich voller Enthusiasmus an die Arbeit – andere wollen so schnell wie möglich wieder aus dem Land herauskommen.

Drittens unterscheiden sich die PRTs hinsichtlich der Effizienz ihrer Zusammenarbeit mit örtlichen Führungsstrukturen und Bevölkerungsgruppen. Erfolgreiche PRTs müssen in ihrem Umfeld positive Veränderungen herbeiführen. Ein PRT, und zwar selbst ein PRT mit guter Führung, hat wenig zur Förderung eines anhaltenden Wiederaufbaus beigetragen, wenn es nicht auf örtlicher Ebene die Grundlage für eine stabile Entwicklung schafft.

Es ist inzwischen ein Gemeinplatz, dass eine derartige Entwicklung eine ernsthafte Zusammenarbeit zwischen externen Akteuren und innerstaatlichen Kräften erfordert. Und auch hier gibt es große Unterschiede.

In den ländlichen Gegenden Afghanistans haben persönliche Kontakte einen größeren Einfluss auf das Verhalten der Bevölkerung als förmliche Beziehungen zwischen Organisationen. Dies kommt den PRTs zugute, die ihr Personal länger an einem bestimmten Ort halten und solche informellen Kontakte pflegen können.

Afghanistan im April 2007: Besuch des Nordatlantikrats bei den regionalen Kommandos und den PRTs im Bamiantal.
(© NATO)
Dies hilft auch PRTs, die über Personal mit einschlägigen Sprachkenntnissen verfügen. PRTs, die im Norden (wo Persisch recht weit verbreitet ist) im Einsatz sind, haben einen Vorteil gegenüber denen im Süden, wo eher Paschtu (Puschtu) üblich ist. Persisch lässt sich nämlich relativ leicht erlernen, während Paschtu eine außergewöhnlich schwierige Sprache ist.

Weitere Schwierigkeiten mit der Koordinierung ergeben sich schon aus dem Charakter der Aufgaben eines PRT. Die Leitung eines PRT steht zum Beispiel in der Regel der jeweiligen Provinzverwaltung sehr viel näher als der afghanischen Regierung. Dies kann zu Problemen führen, wenn eine Provinzverwaltung nicht ganz mit den Prioritäten der Regierung übereinstimmt – vor allem weil strategisch bedeutsame Wiederaufbauprioritäten durch Konsultationen zwischen den Geberländern und der afghanischen Regierung festgelegt werden.

Die PRTs können auch stärker an den Interessen ihrer eigenen Regierung als an denen der afghanischen Regierung interessiert sein. PRTs sind unter Umständen versucht, den Erfordernissen vor Ort (und den Vorstellungen der Geberstaaten) durch Projekte mit Sofortwirkung gerecht zu werden, und dies kann sich gelegentlich positiv auswirken, insbesondere wenn diese Projekte mit den zuständigen örtlichen Stellen sorgfältig geplant worden sind. Doch einige dieser Projekte können sich leider auch als kostspielige Unternehmungen ohne jeden Nutzen und ohne Langzeitwirkung erweisen und ein mangelndes Verständnis der komplexen Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Mikrogesellschaften Afghanistans zum Ausdruck bringen.
Die größten Erfolge haben die PRTs, denen es am besten gelingt, den Auffassungen der Afghanen von den Erfordernissen ihres Landes Rechnung zu tragen. Für die Leitung eines PRT ist es eine gute Strategie, so viel wie möglich nicht selbst zu sprechen, sondern zuzuhören.


„Entwicklung“ ist nicht einfach eine Reihe von Projekten; dabei geht es um den Aufbau funktionsfähiger staatlicher Einrichtungen, um Strategien zur Gewährleistung der Nachhaltigkeit und vor allem um das Verständnis dafür, wie eine Gesellschaft funktioniert. Die größten Erfolge haben die PRTs, denen es am besten gelingt, den Auffassungen der Afghanen von den Erfordernissen ihres Landes Rechnung zu tragen. Für die Leitung eines PRT ist es eine gute Strategie, so viel wie möglich nicht selbst zu sprechen, sondern zuzuhören.

Dies hat vor Ort zwischen manchen PRTs und erfahrenen nichtstaatlichen Organisationen, die beim Wiederaufbau in der Regel einen weitaus entschiedeneren „Entwicklungsansatz“ verfolgen, zu einigen Spannungen geführt. Viele nichtstaatliche Organisationen befürchten, aus der Sicht der örtlichen Bevölkerung würden „humanitäre Hilfe“ und „Entwicklung“ einerseits nicht mehr klar von der Durchführung eines globalen „Krieges gegen den Terror“ andererseits zu trennen sein. Dies gilt insbesondere, wenn Wiederaufbaumaßnahmen als Mittel zur Bekämpfung politischer Kräfte wie der Taliban und der Al Qaida dargestellt werden.

Ebenso schwerwiegend ist jedoch vielleicht der Umstand, dass es für die Afghanen schwierig sein könnte, zwischen den PRTs einerseits und anderen internationalen Streitkräften andererseits zu unterscheiden. Wenn einige uniformierte Einheiten mit dem Wiederaufbau befasst sind und andere mit militärischen Mitteln vorgehen und Gewalt anwenden, kann man von der Verwirrung unter den Afghanen kaum überrascht sein. Steigt nun die Zahl der Todesopfer unter den Zivilisten an, so wird es wahrscheinlich schwieriger werden, die PRTs vor Gegenschlägen zu schützen.

Auch innerhalb der PRTs selbst können Spannungen zwischen militärischen und zivilen Komponenten auftreten. Diese können je nach der Art und Weise, wie man damit umgeht, entweder konstruktive positive oder aber destruktive negative Folgen haben.

Schließlich sei eine Frage genannt, über die bisher kaum gesprochen wird: Welche Prozesse sollen in Gang gesetzt werden, damit die Verantwortung für die PRT-Arbeit den Afghanen selbst übertragen werden kann? Die afghanischen Streitkräfte und die afghanische Polizei werden nämlich letztlich einige der Sicherheitsaufgaben übernehmen müssen, die derzeit von den PRTs wahrgenommen werden, aber bisher gibt es zur Regelung dieses Übergangs weder einen klaren Zeitplan noch ein Modell.

Afghanistan kann nicht davon ausgehen, dass die jetzige Verteilung der PRTs und deren Einsatz länger als kurz- bis mittelfristig beibehalten wird. Letztlich werden innenpolitische Faktoren in den beteiligten Staaten und nicht so sehr die Bedürfnisse Afghanistans für den Übergang entscheidend sein.

Und wenn die Zahl der Todesopfer zunimmt, könnte das internationale Engagement hinsichtlich der PRTs abnehmen. Aus diesem Grund wäre Kabul gut beraten, wenn es schon jetzt überlegen würde, wie es eine solche Situation bewältigen könnte – gleich, in welch ferner Zukunft sie gegeben sein mag.