Interview
Generalleutnant David Leakey, Generaldirektor des Militärstabs der EU
Generalleutnant David Leakey ist Generaldirektor des Militärstabs der Europäischen Union. (© Rat der EU)
Als Generaldirektor des Militärstabs der Europäischen Union (EUMS) leitet Generalleutnant David Leakey (britische Heeresstreitkräfte) für die EU die Bereiche Frühwarnung, Lagebeurteilung und strategische Planung. Letzteres umfasst auch die Planung der EU-Missionen im Kosovo und in Afghanistan. Von Dezember 2004 bis Dezember 2005 stand General Leakey an der Spitze der ersten EU-Truppe in Bosnien und Herzegowina (EUFOR), wo er sich persönlich ein Bild davon machen konnte, wie die Berlin-Plus-Regelungen in die Praxis umgesetzt wurden.
NATO Brief: Welche Prioritäten haben Sie als Generaldirektor des EU-Militärstabs?
General David Leakey: Die militärische Dimension der ESVP [Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik] gibt es jetzt seit sechs Jahren, und im Vergleich zur NATO befindet sie sich daher noch in den Kinderschuhen. Doch organisatorisch, politisch und militärisch hat die ESVP einen guten Anfang gemacht. Sie hat zu einigen wirklich hervorragenden Ergebnissen geführt und entwickelt sich – wie jede andere Organisation – immer weiter.

In erster Linie verfolge ich das Ziel, dafür zu sorgen, dass unsere Organisation ihren Zweck erfüllen kann. In dieser sich rasch verändernden Welt haben die militärischen Missionen der ESVP einen recht unterschiedlichen Charakter gehabt: die Operation Artemis in der Demokratischen Republik Kongo, dann die Mission in der ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien*, dann Bosnien und dann wieder Kongo. Alle diese Operationen unterschieden sich von ihrem Umfang und ihrer Bedeutung her wie auch mit Blick auf die potentiellen Gefahren und hinsichtlich der geographischen Entfernung von Europa. Kongo – und dort waren wir zweimal – ist nicht das Gleiche wie „mal eben die Straße runter“ auf den Balkan. Also müssen wir beweglich sein, denn die nächste militärische Operation ist nie so wie die vorherige – und nie so, wie man es erwartet.

Der zweite Aspekt im Zusammenhang mit Operationen – denn das ist unsere Hauptaufgabe – besteht darin, dass wir in der NATO, bei den Vereinten Nationen und in den EU-Hauptstädten von Operationen sprechen, die sich an Wirkungen ausrichten, oder von einem umfassenden bzw. globalen Ansatz. Es kommt nicht darauf an, welche Bezeichnung wir wählen. Ich glaube, wir wissen alle in groben Zügen, wovon wir reden, nämlich von der Integration der Tätigkeitsfelder der militärischen, wirtschaftlichen, politischen, rechtlichen und polizeilichen Instanzen. Und nur wenn man eine gute integrierte Wirkung erzielt, kann man in den Unruhegebieten der Welt Erfolg haben.

Eine Sache, an der wir im Sekretariat intensiv arbeiten, besteht daher in der zivil-militärischen Zusammenarbeit, der zivil-militärischen Personalplanung. Wir sind gerade dabei, die Abteilungen hier umzustrukturieren, um so die militärischen Fähigkeiten besser in die Bereiche Planung, Unterstützung und zivile Planung integrieren zu können. Das ist ein Gebiet, auf dem wir uns im Ratssekretariat verbessern müssen, nämlich bei der Zusammenführung der zivilen und der militärischen Planung. Daran arbeiten wir ja schon seit geraumer Zeit, aber wir versuchen, diese Integration noch weiter zu stärken.

Die Verbesserung der zivil-militärischen Integration zählt zu meinen Zielen, aber dies soll nicht auf Kosten der militärischen Fähigkeiten gehen. Zunächst einmal braucht man für die im Wesentlichen militärischen Operationen – sowohl für die ausschließlich militärischen Operationen als auch für die militärischen Komponenten anderer Arten von Operationen – eine kritische Masse militärischer Planungsexperten. Zweitens werden wir keine Denkweise übernehmen, der zufolge zivil-militärische Operationen lediglich aus dem Fällen von Bäumen, aus Beziehungen zur örtlichen Bevölkerung und aus humanitären Projekten bestehen.

Der entscheidende Beitrag der Streitkräfte besteht darin, die richtigen Voraussetzungen zu schaffen. Um dies zu tun, muss man unter Umständen kämpfen, und dazu ist die EU auch bereit. Bei unseren Bemühungen um die zivil-militärische Integration und Zusammenarbeit müssen wir uns stets vor Augen halten, dass wir vor allem die kritische Masse für die militärische Planung, das militärische Ethos, das Ethos des Kämpfenden beibehalten müssen. Unter Umständen müssen wir kämpfen. Unter Umständen müssen wir Verluste in Kauf nehmen. Unter Umständen müssen wir anderen Verluste zufügen. Und wenn wir nicht dazu bereit sind, dies als einen Teil unseres Ethos beizubehalten, sind wir militärisch nicht glaubwürdig.

Damit kommen wir zu einem weiteren Ziel. Natürlich müssen wir für unsere Operationen die erforderlichen Fähigkeiten haben. Meine Vorgänger haben in dieser Hinsicht auf vielen Gebieten große Fortschritte gemacht.

Zunächst einmal hat das Konzept der „Kampfgruppen“ im Jahr 2005 die erste Stufe der Einsatzfähigkeit erreicht und ist seit Januar dieses Jahres voll einsatzfähig. Zwei Kampfgruppen werden in Bereitschaft gehalten und sind während ihrer jeweils sechsmonatigen Turnusperiode jederzeit einsatzbereit – und um das gut leiten zu können, müssen wir bewegliche Führungs- und Leitsysteme haben. Was wir jetzt haben, ist nicht schlecht, aber es könnte besser sein. Zu den sonstigen Anliegen zählen die Grundlagenfähigkeiten im Hinblick auf den Einsatz einer Kampfgruppe. Hier stehen wir vor dem gleichen Problem wie die NATO – Mangel an strategischen Transportmöglichkeiten. Wer soll die nötigen Mittel herstellen? Wer soll sie bezahlen? Werden sie zum richtigen Zeitpunkt verfügbar sein?

Wir müssen beweglich sein, denn die nächste militärische Operation ist nie so wie die vorherige – und nie so, wie man es erwartet.
Bei den Streitkräftezielen haben wir in manchen Bereichen wirklich gute Arbeit geleistet. Dabei haben wir uns sehr genau angesehen, wie die NATO hinsichtlich der Verteidigungsplanung mit Erhebungen gearbeitet hat, so dass wir uns die Lehren zunutze machen konnten, die daraus zu ziehen waren. Wir haben dabei eine etwas andere Zielsetzung, und so haben wir auch etwas andere Erfordernisse, und wir haben uns unterschiedliche Ziele gesetzt. Dies war ein äußerst lohnendes Unternehmen. Jetzt sind wir gerade so weit, dass wir mit Blick auf die aufgeführten Defizite und Lücken bei den Fähigkeiten Schlussfolgerungen ziehen und auch erkennen können, ob wir in bestimmten Bereichen europäische Unternehmen einsetzen können, um die Interoperabilität zu erhöhen und die Lücken besser zu schließen. Hier ist die Europäische Verteidigungsagentur gefragt.

Wiederum sind wir also an einem Punkt angelangt, an dem wir auf sehr gute Arbeit zurückblicken können. Jetzt kommen wir zu der schwierigen Etappe. Wir haben den mechanischen Aspekt hinter uns und die Daten ermittelt. Diese Daten müssen wir sowohl im EU-Militärstab, unter den Mitgliedstaaten und in der Europäischen Verteidigungsagentur nutzen. Dies hat die Arbeit sogar erschwert, sowohl vom Standpunkt des Personals aus als auch aus politischer Sicht. Das ist also die Herausforderung, die viel harte Arbeit erfordern wird.

Wir sind eine sehr kleine Einrichtung. Der Militärstab der EU umfasst nur 178 militärische Mitarbeiter, und so müssen wir uns für die Planung auf strategischer Ebene etwas Schlaues einfallen lassen.
NB: Welche Lehren wurden im Sommer 2006 im Kongo hinsichtlich der EUFOR gezogen?
General Leakey: Im Kongo hatten wir Erfolg. Wir haben EU-Truppen an einen weit entfernten Ort entsenden können, etwa 2 000 Mann – mit einem Führungsstab, und das war ein großer Erfolg. Wir haben Truppen disloziert, die ihre Arbeit machten und dann zurückkehrten. Wir hatten Glück, aber ein bisschen Glück braucht man bei jeder Operation. Also war die Mission erfolgreich. Doch eine der zahlreichen Lehren aus dieser Operation besteht darin, dass wir in militärstrategischer Hinsicht Reibungsverluste bei den Mechanismen der politisch-militärischen Planung verringern müssen. Und das heißt, dass wir uns mit den Lehren aus dieser Operation sofort genauer befassen müssen.
NB: Wann wird der Prozess im Zusammenhang mit den „Lehren aus der Operation“ abgeschlossen sein?
General Leakey: In etwa zehn Jahren. Das ist ganz ernst gemeint, denn wir werden es vielleicht erst in zehn Jahren wieder mit einer derartigen Operation zu tun haben, und manche der Lehren werden sich auf die nächsten vier unserer Operationen vielleicht nicht anwenden lassen. Manche werden nur anwendbar sein, wenn wir wieder in den Kongo gehen. Wenn ich also von etwa zehn Jahren spreche, meine ich das auch so.

Erstens haben wir gelernt, dass wir diese Lehren leicht zugänglich in einer Datenbank speichern müssen, wo wir sie finden und abrufen können. Hier geht es also um einen Prozess, und jetzt sind wir u.a. damit befast, eine rechnergestützte Datenbank mit den Lehren aus unseren Operationen aufzubauen. Wir haben uns das NATO-System angesehen, wir sind in einige Mitgliedstaaten gereist und haben uns deren Lösungen angesehen, und wir haben nun eine Lösung optimiert, die unseres Erachtens als Spitzentechnologie für diese Aufgaben anzusehen ist. Man hat viele Erfahrungen gesammelt, und das Wichtigste ist (wie ich gesagt habe), die Lehren aus unseren Operationen denen zugänglich zu machen, die sie brauchen.
NB: Welche Kontakte und Beziehungen bestehen zwischen Ihrem Stab und der NATO?
General Leakey: Zwischen unseren Stäben gibt es direkte Kontakte. Jeden Tag höre ich, dass meine Leute Besuch von NATO-Leuten hatten oder dass wir bei der NATO waren, um über dieses oder jenes Thema zu sprechen – über eine große Bandbreite von Themen, von Datenbanken mit Lehren aus unseren Erfahrungen (damit wir sehen, wie die jeweils andere Seite dies handhabt) bis hin zum Vertrag über die Übergangslösung für das Problem der strategischen Lufttransportmöglichkeiten. Mit Blick auf Sudan sind wir als Partner gemeinsam für den strategischen Lufttransport zuständig.

Unsere Zelle bei SHAPE [Oberstes Hauptquartier der Alliierten Mächte Europa], über die wir dort eine Verbindungsstelle haben, arbeitet mit der ständigen Verbindungsgruppe der NATO bei uns mit Blick auf die bevorstehende ESVP-Mission im Kosovo an technischen Vereinbarungen mit dem Bündnis. Mit den PRTs [Provincial Reconstruction Teams] arbeiten wir zudem intensiv an der Planung der ESVP-Polizeimission in Afghanistan.

Auf höherer Ebene kommen die Militärausschüsse [der EU und der NATO] zusammen, der PSC (Political and Security Committee) der EU kommt mit dem Nordatlantikrat zusammen, und es gibt auch Zusammenkünfte der beiden Generalsekretäre. Sind die Beziehungen also gut? Die Antwort lautet ja und nein. Wenn die [persönliche] Chemie stimmt, sind die Beziehungen gut. Und wenn die Chemie nicht so gut ist, nun ja, dann müssen die Beziehungen eben verbessert werden. Wenn ich an die Zeit zurückdenke, als ich im Rahmen der Berlin-Plus-Vereinbarungen als EUFOR-Befehlshaber in Bosnien war, so erinnere ich mich an einige echte Herausforderungen – und damit muss man sich dann einfach auseinandersetzen.

Selbst bei der harmlosesten Abschreckungs-, Sicherungs- oder Friedensoperation befindet sich ein Soldat, auf den geschossen wird, in einer äußerst gefährlichen Kriegssituation.
Es spricht für unsere beiden Organisationen, dass die jeweiligen Stäbe auf ihre Organisation stolz sind und ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl erkennen lassen – und das müssen wir respektieren. Doch sowohl auf politischer Ebene als auch auf den höchsten Führungsebenen ist eigentlich eine große Offenheit und die Einsicht festzustellen, das wir alle auf das gleiche, übergeordnete Ziel hinarbeiten. Ich erinnere mich, wie der SACEUR [General James Jones, der damalige Oberste Alliierte Befehlshaber Europa] sagte, er wolle sicherstellen, dass die EUFOR-Operation in Bosnien zu einem Erfolg werde. Und auf den unteren Ebenen, auf den Arbeitsebenen, hat das – wie ich wirklich sagen kann – recht gut funktioniert, und ich denke, dies gilt auch für die Kosovo- und die Afghanistan-Planung. Natürlich wird es am Anfang einige Schwierigkeiten geben, die man dann lösen und regeln muss. Beispielsweise die Frage, wer am Ende die Rechnung bezahlt. Oder wer letztlich die Verantwortung trägt. Oder ob die Personalvereinbarung, an der wir gerade arbeiten, auf der politischen Ebene genehmigt werden muss.

Die gleichen Fragen ergaben sich z.B. auch kürzlich bei einer Operation, bei der die EU mit den Vereinten Nationen zusammenarbeitete, und es sind die gleichen Fragen wie bei der Zusammenarbeit der NATO und der EU im Kosovo. All dies erfordert auch ein wenig Zeit, denn jede Organisation und jeder Kontext ist anders.

Die Medien verbreiten immer nur die schlechten Nachrichten. Wenn ein Mitarbeiter der NATO oder der EU sagt, in einer bestimmten Situation hätten sich die Dinge verschlechtert, dann kann das an einem bestimmten Tag hinsichtlich eines bestimmten Sachverhalts auch so gewesen sein, aber allgemein geht es meiner Ansicht nach vorwärts und aufwärts.
NB: Welche Arbeitsteilung besteht im Hinblick auf die Fähigkeiten zwischen der Europäischen Verteidigungsagentur (EDA) und dem EU-Militärstab (EUMS)?
General Leakey: Zwischen den beiden Instanzen gibt es keine absolut klare und eindeutige Trennlinie. Wenn es sie gäbe, sollten wir uns sogar langsam Sorgen machen, denn schließlich soll z.B. all unsere Arbeit im Bereich der Fähigkeiten an die EDA weitergeleitet werden. Es gibt also einen Dialog. Hier bei uns gibt es Leute von der EDA, die tagtäglich vom EUMS profitieren, und wir haben unsere eigenen Leute bei der EDA, die über andere Dinge reden und unsere Ergebnisse in diese Organisation einbringen.

Wenn wir Daten oder Informationen, Erfordernisse, die wir ermittelt haben, oder auch Lehren, die wir gezogen haben vom EUMS an die EDA weiterleiten, dann nutzt die EDA dieses Material für ihre eigenen Zwecke, wie z.B. im Hinblick auf Defizite bei den Fähigkeiten oder für Forschung und Entwicklung. Die EDA verfolgt einen langfristigen Ansatz und bemüht sich um Extrapolationen auf der Grundlage der Lehren, die wir gezogen haben, bzw. auf der Grundlage der von uns erarbeiteten Doktrinen.

Hier handelt es sich um eine Zusammenarbeit, und ich glaube, sie läuft recht gut. In manchen Fragen müssen wir als Partner sehr eng zusammenarbeiten. Beispielsweise gibt es bei den Erfordernissen im Bereich der netzwerkgestützten Fähigkeiten und des Informationsaustausches viele Aufgaben, die von der EDA erst in Angriff genommen werden können, wenn der EUMS die Vorarbeit geleistet hat.

Die EDA produziert ausgehend von ihrer Forschung und ihren Fähigkeiten andere Ergebnisse – mit Blick auf Ausrüstung, Entwicklung usw. Das entspricht ihrer Zielsetzung. Was der EUMS produziert und bereitstellt, ist operativer Art. Die Arbeit der EDA ist in gewisser Weise auf die Zukunft ausgerichtet; wir befassen uns eher mit dem Hier und Jetzt. Doch der eine kann nicht ohne den anderen auskommen.

NB: Wie verhindert man, was die Koordinierung mit der NATO betrifft, Konflikte zwischen den Reaktionskräften der NATO (NRF - NATO Response Force) und den EU-Kampfgruppen?
General Leakey: Die Kampfgruppen sind voneinander völlig unabhängig; sie stehen der EU nur während ihrer Turnusperiode zur Verfügung. Jede Kampfgruppe erhält im Turnusplan eine bestimmte Aufgabe. Sie wird nicht zwei verschiedenen Organisationen zugeordnet. Kommt es beispielsweise irgendwo zu einer Katastrophe, so werden wir möglicherweise von den Vereinten Nationen um eine Überbrückungsoperation gebeten, bis die VN ihren eigenen Streitkräfteaufwuchs abgeschlossen haben. Dann würden wir eine der Kampfgruppen anfordern, die für EU-Zwecke bereitgestellt worden sind. Hier besteht also kein Konflikt. Die turnusgemäß bereitgestellten Kampfgruppen stehen zur Verfügung, und sie sind keiner anderen Instanz zugeordnet.
NB: Sie waren der erste EUFOR-Befehlshaber in Bosnien. Wie funktionierten aus Ihrer Sicht die Berlin-Plus-Regelungen in der Praxis?
General Leakey: Die Berlin-Plus-Regelungen funktionierten von Anfang an, weil der Generalsekretär und der SACEUR allen nachgeordneten NATO-Stellen eine entsprechende Anweisung erteilten. Und daher gab es vor allem den nötigen politischen Willen und die Überzeugung, dass man dies auch wirklich schaffen könne. Zweitens funktionierten sie, weil ein Großteil des vor Ort eingesetzten SFOR-Personals [der NATO-Stabilisierungstruppe] sowohl vom Führungsstab als auch von den Mannschaften in die EUFOR überwechselte. Das war wirklich eine Hilfe und machte alles leichter. Man hatte also die richtige Einstellung.

Wir machten einige lehrreiche Erfahrungen mit Bezug auf die Aufteilung der Kosten, den Austausch nachrichtendienstlicher Erkenntnisse und einige Verfahrensfragen. Wir haben auch gelernt, dass wir eine klare Aufgabenteilung brauchen, wenn militärische Operationen der NATO und der EU im gleichen Gebiet durchgeführt werden.

Wir erlebten einen nahtlosen Übergang von der SFOR- zur EUFOR-Mission, ununterbrochenen Zugang zu den nachrichtendienstlichen Datenbanken und eine allgemein gute Weiterleitung nachrichtendienstlicher Erkenntnisse. Die CIS-Dienste [communication and information system] wurden dem EUFOR-Hauptquartier ohne Unterbrechung übertragen, was den Berlin-Plus-Regelungen zu verdanken war. Mit Blick auf Reservekräfte für Bosnien führten wir Übungen durch, die von der EU und der NATO koordiniert wurden. Das funktionierte ziemlich gut.

Das Interessante an der EUFOR-Operation in Bosnien war jedoch die Tatsache, dass die EU diese Operation aus einer Vielzahl von Gründen von der NATO übernommen hat. Die NATO hielt die Zeit für gekommen und meinte, sie habe ihr Teil getan. Bosnien hatte den Punkt erreicht, an dem es eine gesamteuropäische integrierte EU-Lösung für die Zukunft brauchte. Daher war es sinnvoll, der wachsenden EU-Präsenz den militärischen Aspekt gemeinsam mit den zivilen Komponenten zu übertragen.
NB: Sind die Berlin-Plus-Regelungen angesichts des Abbaus der EUFOR und des geringen Umfangs der Truppe überhaupt noch nötig?
General Leakey: Die Berlin-Plus-Regelungen sind immer noch nötig, weil wir gemeinsame Reservekräfte haben. Das ist von entscheidender Bedeutung. Die Berlin-Plus-Regelungen gelten noch, weil ein Großteil der Führungs- und Leitsysteme von Brüssel bis hin zur Ebene des Führungsstabs vor Ort noch von SHAPE bereitgestellt wird. Das ist der Kern der Berlin-Plus-Regelungen. Darum kommt man nicht herum.
NB: Diese Aufgabe könnte also nicht von einem EU-Führungsstab übernommen werden?
General Leakey: Doch, möglich wäre das schon, aber es hat keinen Zweck, die Führungs- und Leitstruktur jetzt zu ändern. Die Berlin-Plus-Regelungen und die Einsatzführung funktionieren sehr gut. Was nicht kaputt ist, sollte man auch nicht zu reparieren versuchen.

NB: Plant der EUMS derzeit die Missionen in Afghanistan und im Kosovo sowie deren Koordinierung mit den dortigen NATO-Truppen?
General Leakey: Ja, aber unter ziviler Führung, weil es sich um zivile Operationen handelt (Polizei, Rechtswesen, Ordnungskräfte), die im Kosovo und in Afghanistan durchgeführt werden sollen. Es sind zivile, keine militärischen Missionen. Wir unterstützen jedoch die Planung und Vorbereitung dieser Missionen, und die Unterstützung betrifft ein breites Spektrum von Themen, die sicherstellen, dass die zivilen Planungsexperten für die Gebiete Polizei, Ordnungskräfte und Rechtswesen genau wissen, was sie eigentlich erreichen wollen, was ihre Ziele sind.

Doch es gibt auch Bereiche, bei denen wir helfen können. Wir können z.B. sicherstellen, dass sie die CIS-Fragen durchdacht haben und dass sie einen guten CIS-Plan haben. Und dass sie die Sicherheitslage vor Ort durchdacht und die erforderlichen Vorkehrungen für ihre Sicherheit und ihren Schutz getroffen haben, insbesondere mit der NATO. Das Militär weiß sehr gut, was nachrichtendienstlich zu berücksichtigen ist, dass Datenbanken zur Verfügung stehen müssen. Haben wir mit Blick auf den Zugang zu Datenbanken gute technische Vorkehrungen getroffen? Haben wir die richtigen Leute und die richtigen Zugangsregelungen?

Es gibt eine ganze Reihe von Dingen, die das Militär tun kann, um den zivilen Stellen zu helfen, ihre Operationen besser zu planen. Wir können Planungssachkenntnis, Erfahrung, Wissen und manchmal direkte Planungsunterstützung bereitstellen – denn damit arbeiten wir ja immer. Bei der Aceh-Mission in Indonesien waren z.B. mehr als 50 Prozent des Personals Angehörige der Streitkräfte, denn unter den gegebenen Umständen waren sie die richtigen Leute für diese Aufgabe. Dies erforderte eine gewisse militärische Beratung hinsichtlich der Planung und des Aufbaus der Mission. Es handelte sich nicht um eine militärische Mission, aber auf diese Weise kann man eine zivile Mission effektiver machen: durch besser strukturierte Planung, durch einen besseren Plan und durch Zugang zu einem Teil der verfügbaren Unterstützung.

Das soll jedoch die zivile Führung ziviler Missionen nicht beeinträchtigen und auch nicht dem Ethos von Streitkräften schaden, die zum Kampf bereit sein müssen. Selbst bei der harmlosesten Abschreckungs-, Sicherungs- oder Friedensoperation befindet sich ein Soldat, auf den geschossen wird, in einer äußerst gefährlichen Kriegssituation. Dann muss er dazu in der Lage sein, die richtigen Dinge zur rechten Zeit zu tun, anstatt zu sagen: „Ach, ich dachte, ich sei ein Friedenshüter. Wo ist der Frieden?“

In dieser Welt außerordentlicher Instabilität enden viele Kriege ohne Ergebnis. Wir bringen sie in der Regel mittendrin zum Stoppen. Und in diesen Gebieten der Instabilität müssen sich unsere Soldaten bewähren. Sie müssen bereit sein, zu kämpfen, wenn es nötig ist, wenn sie angegriffen werden oder wenn die Sicherheit ernsthaft bedroht ist und sie zu ihrer Verteidigung ein wenig offensiv werden müssen.

Ob es sich um Afghanistan, Irak oder den Balkan handelt – es wird niemals genug Carabinieri, Gendarmen, Zollbeamte, Grenzpatrouillen oder Voraustrupps geben, und manche dieser Aufgaben stehen nicht gerade im Handbuch für Soldaten, aber Soldaten müssen sich eben der jeweiligen Lage anpassen können.

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