Geschichte
Der große Umzug
Offizielle Einweihung der neuen NATO-Zentrale in Brüssel am 16. Oktober 1967.(© NATO)
François Le Blévennec berichtet über den Umzug der NATO-Zentrale von Paris nach Brüssel, den er vor 40 Jahren selbst miterlebte.
Am 10. März 1966 kündigte die französische Regierung in einem Memorandum an die 14 anderen NATO-Staaten an, sie wolle ihre Vertreter aus dem integrierten Militärstab abziehen, die Entsendung französischer Truppenkontingente in internationale Kommandos einstellen und darum ersuchen, dass die NATO-Zentrale, Bündniseinheiten sowie andere Einrichtungen und Stützpunkte, die nicht der Hoheit Frankreichs unterstanden, aus dem französischen Hoheitsgebiet abgezogen würden. Frankreich stellte jedoch nicht den Washingtoner Vertrag in Frage, sondern plädierte für den Fortbestand des Atlantischen Bündnisses.

Die französische Ankündigung traf die internationalen Beziehungen wie ein Donnerschlag. Seit General de Gaulle 1958 wieder als Staatschef an die Macht gekommen war, hatte er eine Reform der Organisation angestrebt – insbesondere eine Reform der Nuklearpolitik der NATO und der integrierten Kommandostruktur sowie eine Reform hinsichtlich der Führungsposition der Vereinigten Staaten; er wollte jedoch keine Reform des Bündnisses an sich. Der 1949 in Washington unterzeichnete Vertrag hatte eine Gruppe von Staaten zusammengeführt, die der Bedrohung durch die Sowjetunion entgegentreten wollten. An der Spitze der Organisation, wie sie zwischen 1950 und 1954 aufgrund eines Beschlusses des Nordatlantikrats errichtet wurde, sollte in Friedenszeiten ein amerikanischer General stehen. Die Organisation erhielt den Auftrag, eine integrierte Kommandostruktur aufzubauen, Operationspläne für die in Europa stationierten Streitkräfte zu erarbeiten sowie die Ausbildung und Integration dieser Streitkräfte zu koordinieren.

Schon im März 1959 hatte sich General de Gaulle geweigert, die französischen Luftstreitkräfte in das System der NATO einzugliedern; er hatte die französische Mittelmeerflotte der NATO-Kontrolle entzogen und den Vereinigten Staaten untersagt, ihre Kernwaffen und deren Startgeräte in Frankreich zu stationieren. 1960 bemühte er sich im Einklang mit Artikel 12 um eine Revision des Vertrags, wurde jedoch nicht von den anderen Mitgliedstaaten unterstützt.

So war die im März 1966 getroffene Entscheidung eigentlich keine Überraschung, auch wenn sie grundlegende Meinungsverschiedenheiten zwischen einem der wichtigsten Bündnispartner und den anderen Mitgliedern hinsichtlich der Zukunft der Organisation deutlich zutage treten ließ.

Mitten in dieser Krise kam ich am 15. März 1966 mit einem Stellenangebot in meiner Tasche zur NATO-Zentrale Porte Dauphine am Rande des Bois de Boulogne. Ich hatte die Absicht, eine Stelle anzutreten, die mir in der Hauptregistratur angeboten worden war. Dieses weiße Gebäude – in Form eines riesigen A (für „Atlantic Alliance“) – war mir bekannt, seit ich 14 meiner 16 Monate als Wehrpflichtiger bei der dortigen Ständigen Vertretung verbracht hatte. Die schwierige Frage lautete, was man mit diesem jungen Franzosen und seinem Enthusiasmus und seinen guten Absichten anfangen sollte. Rasch fand sich eine Lösung: ein auf drei Monate befristeter Vertrag mit der Zusage eines unbefristeten Vertrags, wenn alles gutgehen würde.

So machte ich mit einem Laufzettel in der Hand eine kleine Runde durch die verschiedenen Dienststellen – in Begleitung von Ursel Lorenzen, einer stillen, recht ernsten jungen Deutschen, die 20 Jahre später berühmt wurde, als sie im ostdeutschen Fernsehen in einer ganz anderen Rolle erschien – als übergelaufene Spionin.

Während des zweiten Quartals des Jahres 1966 herrschte in den Fluren des „Dauphine“ eine angespannte Atmosphäre.
Während des zweiten Quartals des Jahres 1966 herrschte in den Fluren des „Dauphine“ eine angespannte Atmosphäre. Als Opfer einer Lage, für die sie nicht verantwortlich waren, liefen die französischen Mitglieder des Internationalen Stabes mit gesenktem Blick durch die Gänge. Ihre Kollegen aus den anderen Staaten unternahmen indes löbliche Versuche, mögliche Ressentiments zu verbergen.

Anfang Juni 1966 beschloss der Nordatlantikrat, das militärische Hauptquartier aus Frankreich abzuziehen und zu verlegen, vorzugsweise an einen Standort in den Benelux-Staaten. Im September einigten sich die 14 Bündnispartner des Verteidigungsplanungsausschusses darauf, SHAPE (Supreme Headquarters Alliied Powers Europe) von Voluceau-Rocquencourt in der Nähe von Versailles nach Chièvres-Casteau bei Mons (Belgien) zu verlegen, wo es ab dem 1. April 1967 seinen Standort haben sollte.

Die Frist für die Errichtung des Hauptquartiers war sehr kurz, und kaum jemand glaubte, sie könne eingehalten werden. Doch den – zumeist belgischen – Bauunternehmen gelang die erstaunliche Glanzleistung, den Bau pünktlich fertigzustellen, und so wurde das SHAPE-Gebäude am 31. März 1967 eingeweiht.

Das Problem bezüglich der Bündniszentrale hatte man jedoch noch nicht gelöst. Während mehrerer Monate der Ungewissheit breiteten sich zahlreiche Gerüchte aus. Für eine kurze Zeit war Rom im Gespräch, doch in der italienischen Hauptstadt mit ihrem chronischen Platzmangel gab es nicht genügend Büroraum. Die Niederlande wurden auch genannt, aber auch dort konnten die begrenzten verfügbaren Unterbringungsmöglichkeiten den Erfordernissen des Personals der Zentrale nicht gerecht werden. Eine Zeit lang wurde London, wo die Organisation zuerst ihren Sitz gehabt hatte, als neues Zentrum des Bündnisses angeboten, aber dieses Angebot wurde rasch zurückgezogen, als die Bündnisstaaten dafür wenig Begeisterung erkennen ließen.

Nach langwierigen Verhandlungen zwischen den Staaten, die Paris als Sitz des Bündnisses beibehalten wollten, und denen, die eine Verlegung wünschten, wurde am 26. Oktober 1966 beschlossen, den Sitz der NATO nach Brüssel zu verlegen.

Das nächste Problem bestand in der Suche nach einem geeigneten Standort mit moderner Verkehrsanbindung und angemessenen Kommunikationseinrichtungen – und alles musste den Sicherheitsstandards der NATO gerecht werden. Die NATO bezahlte eine damals beachtliche Summe für eine Option auf den Erwerb der Porte de Namur, aber eine Durchführbarkeitsstudie kam zu dem Schluss, dass dieses Gebäude im Herzen der Stadt nicht genug Platz bot, und dass die Sicherheit des Standorts und der Umgebung unzureichend war.

Die Zeit drängte, und man musste rasch eine Lösung finden. Die belgische Regierung schlug das Heysel-Gelände vor, auf dem die Weltausstellung von 1958 stattgefunden hatte. Hier gab es alles, was man brauchte: ein großes Gelände außerhalb der Innenstadt, gute Straßenbahn- und Busverbindungen, die Telekommunikationseinrichtungen der Weltausstellung, eine ausreichende Zahl guter Unterbringungsmöglichkeiten usw. Es war zu schön, um wahr zu sein!

Die Zeit lief, und es war nicht daran zu denken, den Sitz in Paris lange genug beizubehalten, um erst noch ein Gebäude von ähnlicher Qualität zu errichten. Die belgische Regierung sprang in die Bresche und bot eine Zwei-Phasen-Lösung an: eine vorübergehende Regelung, die sehr rasch verwirklicht werden sollte, und einen ständigen Sitz, der im Laufe von fünf Jahren auf dem Heysel-Gelände errichtet werden sollte.

Hinsichtlich des vorübergehenden Sitzes erfüllte der alte Brüsseler Flughafen im Bezirk Haren alle Bedingungen. Damals betrachtete man das ungenutzte Flughafengelände als möglichen Standort für ein Militärkrankenhaus. Die Lage zwischen dem Flughafen Zaventem und der Innenstadt war günstig.

Es gab nur ein kleines Problem, als man die Fundamente legen wollte: Die nahezu unzerstörbaren Betonlandebahnen waren während des Zweiten Weltkriegs von der deutschen Luftwaffe für Bomber gebaut worden, die von Haren aus Ziele in Großbritannien angreifen sollten. In seinem Buch Le grand cirque („Die große Arena“), das nach dem Krieg eine Auflage von mehreren Hunderttausend erreichte, beschrieb Pierre Closterman, das französische Fliegerass der R.A.F., wie die deutsche Luftwaffe die Landebahnen, die sie gebaut hatte, später bombardierte, nachdem sie in die Hände der Alliierten gefallen waren. In der Silvesternacht 1944/45 flog die deutsche Luftwaffe auf dem Höhepunkt der Ardennenoffensive ihre letzten bedeutenden Bombenangriffe auf das Gelände der jetzigen Bündniszentrale und zerstörte mehrere Dutzend Flugzeuge der Alliierten, die dort wegen schlechter Wetterverhältnisse und der Silvesterfeiern abgestellt worden waren.

Die Übergangslösung in Haren wurde so schnell gebaut wie SHAPE; man folgte einem ähnlichen Konzept ohne architektonische Extravaganzen, und die offizielle Einweihung sollte am 16. Oktober 1967 stattfinden.

Der Umzug von Paris nach Brüssel, der vielen Umzugsfirmen ein Vermögen einbrachte, verlief ohne größere Probleme – abgesehen vom Umsturz eines Kranes, der eigens aus Deutschland bestellt worden war, um das türkische Fresko zu transportieren, das nun am Eingang zur Zentrale zu sehen ist.

Das Personal war natürlich während dieser schwierigen Operation evakuiert worden. Die Bediensteten beobachteten auf ihrem hervorragenden Aussichtspunkt auf dem Place Dauphine, wie der Kranausleger versagte, der Kranführer Hals über Kopf floh (und glücklicherweise mit dem Leben davonkam) und der Kran auf den Platz stürzte. Ein ungelöstes Rätsel: Das einzige Bild, das es von diesem umstürzenden Kran gibt, machte vom Dach des Gebäudes aus ein Photograph der kommunistischen Zeitung L’Humanité. Keiner weiß, wie er dort ohne Genehmigung – und ohne entdeckt zu werden – hingekommen war.

Ein Großteil der Ausrüstung, die tagsüber aus Paris ankam, verschwand oft nachts wieder, weil nur wenige Türen Schlösser hatten.
Eins der größten Probleme des Generalsekretärs bestand damals in dem Missmut, mit dem ein Großteil des Internationalen Stabes dem Umzug nach Brüssel begegnete. Weniger als 50 Prozent der Bediensteten reagierten positiv auf den Vorschlag des Generalsekretärs.

Manche NATO-Bediensteten – insbesondere die Franzosen, aber auch Angehörige anderer Staaten – waren gut in die französische Gesellschaft integriert und hatten Immobilien erworben. Ihre Kinder gingen auf französische Schulen, und ihrer Meinung nach war der Umzug für sie nur mit Nachteilen verbunden.

Für andere waren die Gehälter ein ernstes Problem. Die belgischen Sätze waren niedriger als die französischen.

Für wieder andere (vor allem für die zahlreichen britischen Sekretärinnen und Schreibkräfte, die insgesamt negativ reagierten) war das Beste an der Arbeit für die NATO, dass sie in Paris leben konnten. Sie wollten nicht nach Brüssel ziehen und ein niedrigeres Gehalt bekommen, da es für sie doch kein Problem sein würde, in einer Zeit starken Wirtschaftswachstums und der Vollbeschäftigung in Paris eine gutbezahlte Arbeit zu finden. Zur Behebung dieses Problem wurde die Sekretärinnenzulage eingeführt.

Was mich betraf, so fühlte ich mich von der exotischen Aura Brüssels angezogen. In den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts lag Brüssel für einen rechtschaffenen Pariser irgendwo auf dem Weg zum Nordpol – anders gesagt, Brüssel war für mich ein Abenteuer. Die belgische Hauptstadt war noch nicht die kosmopolitische, multikulturelle Großstadt, zu der sie sich inzwischen entwickelt hat. Im Vergleich zu Paris hatte sie „provinziellen Charme“, doch am 15. August 1967, als ich mit einigen Kollegen zum ersten Mal nach Brüssel fuhr, um eine Wohnung zu finden, fielen wir einem erfolgreichen meteorologischen Täuschungsmanöver zum Opfer – wir erlebten eine Hitzewelle wie unter einem Tropenhimmel.

Wie viele andere mietete ich, ohne zu zögern, in Erwartung des Umzugs von Haren eine Wohnung in der Nähe von Heysel. Das war ein großer Fehler! Zum Umzug kam es nie, und die Zentrale in Haren sollte bleiben, was sie bis heute ist – der Sitz des Bündnisses, dessen Charakter als Provisorium durch den Anbau einer ganzen Reihe von Fertigbauflügeln, die sogar noch hässlicher sind als die ursprünglichen Gebäude, besonders hervorgehoben wurde.

Im Oktober 1966 wechselte ich nach der Teilnahme an einem Auswahlverfahren in den Pressedienst über. Ich trat meine Stelle in Haren am 9. Oktober 1967 an, also eine Woche vor der offiziellen Einweihung. Damals waren die Straßen innerhalb des Geländes noch nicht asphaltiert. Die Hitzewelle hielt nur einige wenige Augusttage an, und dann verwandelte der typische unaufhörliche Brüsseler Nieselregen das gesamte Gelände in ein Schlammbad. In den Gebäuden waren die Gipswände noch ungestrichen. Die Qualität der Gebäude war für alle ersichtlich, und der Leiter der Malerarbeiten, ein bärtiger Brüsseler mit entsprechendem Akzent und handfestem Humor hielt daran fest, er, seine Leute und ihre Farbe müssten verhindern, dass die Wände beim ersten leichten Windstoß einfallen würden.

Ein Großteil der Ausrüstung, die tagsüber aus Paris ankam, verschwand oft nachts wieder, weil nur wenige Türen Schlösser hatten. Für die Ersten, die in Brüssel ankamen, galt eine sehr einfache Regel: Do it yourself! Um die Sache zu beschleunigen, bewaffnete ich mich also wie ein IKEA-Kunde mit einem Schraubenzieher und einem verstellbaren Schraubenschlüssel, und nach wenigen Tagen hatte ich die Metallregale angebracht, die der Pressedienst brauchte.

Die Einweihungszeremonie am 16. Oktober 1967, die vor einer funkelnagelneuen, aber bereits rostigen Statue auf dem Vorplatz stattfand, bot alles, was das Herz begehrte: Die berühmten Persönlichkeiten standen gut sichtbar auf Holztribünen, es gab eine Reihe feierlicher Reden, und alles wurde von einem anhaltenden Nieselregen überzogen – nur um dem Ganzen ein wenig Lokalkolorit zu verleihen.

Am Endes dieses Vormittags war alles vollbracht. Das Bündnis und der Nordatlantikrat waren wohl oder übel in Haren installiert. Das Übel ließ nicht lange auf sich warten, denn schon kurz darauf folgten am 20.-21. August 1968 der Prager Frühling und die Invasion der Tschechoslowakei.

Doch das ist eine andere Geschichte.
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