Sonderbeitrag
Drei kalte Krieger
General Andrew J. Goodpaster, 1915-2005 ( © Nato)
Kenneth Weisbrode würdigt in seinem Beitrag George F. Kennan, Paul H. Nitze und Andrew J. Goodpaster, d.h. drei vor kurzem verstorbene führende Strategen des Kalten Krieges.
Es ist ein bedeutender Einschnitt, der vielleicht nur von äußerst interessierten Beobachtern des Kalten Krieges wahrgenommen wurde, dass drei Männer, die für diesen Krieg von zentraler Bedeutung waren, alle vor kurzem innerhalb eines Zeitraums von sechs Monaten starben: George F. Kennan, Paul H. Nitze und Andrew J. Goodpaster.

Kennan ist der bekannteste von ihnen. Während des Kalten Krieges zollte man ihm für die Konzeption der "Containment"-Politik (Eindämmungspolitik), mit der dieser Krieg vermutlich gewonnen wurde, am meisten Anerkennung. Als er im März 2005 im Alter von 101 Jahren starb, wurde er hinsichtlich der Zahl der Nachrufe, zu denen sein Tod letztes Jahr Anlass gab, nur von Papst Johannes Paul II. übertroffen.

Nitze, der im Oktober 2004 im Alter von 97 Jahren starb, war weniger berühmt als Kennan, aber kaum eine unbekannte Größe. Seiner Beerdigung in der Washington National Cathedral wohnten mehr als 1000 Trauergäste bei. Seine berufliche Laufbahn (innerhalb und außerhalb der Regierung) erstreckte sich von der Regierungszeit Trumans bis zur Regierungszeit von Ronald Reagan. Kennans Karriere endete dagegen abgesehen von einer kurzen Dienstzeit als John F. Kennedys Botschafter in Jugoslawien Mitte der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts. Wenn Kennan eine Strategie für den Kalten Krieg skizzierte, so kann man sagen, dass Nitze durch den Entwurf eines Großteils des Memorandums NSC-68 ("National Security Memorandum No. 68" von 1950 über die Ziele und Programme der Vereinigten Staaten hinsichtlich der nationalen Sicherheit), des berühmtesten politischen Dokuments der Zeit nach Kennans "langem Telegramm", den Auftrag zu dieser Strategie formulierte. Und dieser Auftrag bestand in nichts Geringerem als in der Rettung der Zivilisation vor der sowjetischen Tyrannei.

Kennan und Nitze waren Kollegen, die durchaus nicht immer einer Meinung waren. Kennan hasste z.B. das NSC-68 und erklärte, er habe nie gewollt, dass sein Containment-Plan in so großem Ausmaß militarisiert bzw. außerhalb Europas angewendet würde. In diesem Memorandum wurden nämlich drei- bis viermal höhere Verteidigungsausgaben gefordert. Doch die beiden behielten ihr freundschaftliches Verhältnis bei, auch wenn sie gelegentlich voreinander auf der Hut waren. Inzwischen ist der Tod der beiden Männer schon mit dem Tod von John Adams und Thomas Jefferson im Jahr 1826 verglichen worden: das Yin und Yang der Strategie des Kalten Krieges, oder - wie Nitze gern sagte - Partner an entgegengesetzten Spannungspolen. Im Tod kamen sie dann schließlich zusammen, als der eine kurz nach dem anderen starb.

Dieses romantische Bild ist jedoch leider eine verzerrende Darstellung. Die Geschichte hat ein drittes Element und eine dritte Person, die nur einer kleinen, aber äußerst engagierten Gruppe von Insidern bekannt ist und auch vor kurzem verstarb. Im Gegensatz zu Kennan und Nitze war Goodpaster, der im Mai 2005 starb, Berufssoldat, Heeresgeneral (vier Sterne) und ehemaliger Oberster Alliierter Befehlshaber der NATO. Er war auch ein enger Verbündeter und Freund beider Männer. Es ist unmöglich, den Kalten Krieg zu verstehen, ohne alle drei als die intellektuellen Stützpfeiler des gleichen Gebäudes zu betrachten. Es gab nicht eine Politik oder zwei gegensätzliche Doktrinen, sondern vielmehr eine Synthese aus drei Elementen, die sich als größer erwies als die Summe ihrer Einzelteile.

Es ist unmöglich, den Kalten Krieg zu verstehen, ohne Kennan, Nitze und Goodpaster als die intellektuellen Stützpfeiler des gleichen Gebäudes zu betrachten.
Präsident Dwight D. Eisenhower ist derjenige, dem am meisten Anerkennung dafür gebührt, dass er diesen Sachverhalt erkannt hat. Goodpaster war sein Stabssekretär (ein Posten, der dem des heutigen nationalen Sicherheitsberaters vergleichbar ist), nahm an fast jeder Sitzung des Präsidenten teil und war zudem dessen wichtigste Kontaktperson gegenüber dem außenpolitischen Apparat. Goodpaster wurde nicht ohne Grund als "Ikes Alter Ego" bezeichnet.

Stalin starb 1953 kurz nach dem Amtsantritt Eisenhowers. Es herrschte große Unsicherheit darüber, wer oder was als Nächster bzw. Nächstes in der Sowjetunion in den Vordergrund treten würde. Die Vereinigten Staaten hatten in Korea gerade einen kostspieligen Krieg gegen chinesische und sowjetische Stellvertretertruppen geführt; die Sowjetunion hatte nun ihre eigenen Atomwaffen; der Kalte Krieg war militarisiert und globalisiert worden. Das Memorandum NSC-68 erwies sich als korrekt.

Doch Eisenhower wollte nichts davon wissen. Vieles sprach für die Doktrin der Eindämmung, doch Kennans bevorzugte Instrumente, die nahezu ausschließlich politischer und propagandistischer Art waren, waren nicht mehr angemessen. Das NSC-68 bot unterdessen nur ein Minimum an operativen Leitlinien. Es war voller düsterer Weltuntergangsprognosen, doch es enthielt keine realistische Strategie für einen langfristigen Kampf gegen den Kommunismus und drängte die Vereinigten Staaten und ihre Bündnispartner nur, die Sowjetunion zu jedem beliebigen Zeitpunkt der Auseinandersetzung überall auf der Welt finanziell und personell zu überbieten. Das NSC-68 verstieß auch gegen Eisenhowers finanzpolitische Vorsicht. Er war wie besessen von der Befürchtung, die Vereinigten Staaten könnten aufgrund von Verschwendung und übertriebener Freigebigkeit besiegt werden. Er war sich darüber im Klaren, dass der Kalte Krieg an vielen Fronten stattfand - nicht zuletzt auch an der wirtschaftlichen Front; daher erklärt sich die Warnung vor dem "militärisch-industriellen Komplex" in seiner Abschiedsrede. Damit beschäftigte sich Eisenhower während seiner beiden Amtszeiten als Präsident ständig, nicht nur am Ende.

Was sollte er tun? Eisenhower gab nicht einfach nur ein weiteres politisches Grundsatzdokument in Auftrag. Er beschloss, die Sache "durchspielen" zu lassen, d.h. drei konkurrierende Beratergruppen einzusetzen, die überlegen sollten, mit welchen kurz-, mittel- und langfristigen Folgen verschiedene politische Ansätze verbunden sein würden. Das Unternehmen wurde im Sommer 1953 eingeleitet und mehrere Monate später abgeschlossen. Da das Projekt in einem als "Solarium" bezeichneten Sitzungszimmer des Weißen Hauses konzipiert und teilweise auch durchgeführt wurde, sprach man von dem Projekt "Solarium".

Dieses Projekt und das daraus resultierende wichtige politische Grundsatzdokument - das NSC-162/2 - müssen zu den bedeutendsten kollektiven Unternehmungen in der Geschichte der amerikanischen Außenpolitik gezählt werden. Beurteilt man die historische Bedeutung eines Dokuments danach, ob sie Überzeugungskraft haben oder die Bürokratie in Aufruhr versetzen, so dürften Kennans "langes Telegramm" und das NSC-68 ihre herausgehobenen Stellungen behalten. Doch berücksichtigt man auch die praktischen Auswirkungen einer bestimmten Politik, dann sollte das Projekt "Solarium" als ebenso wichtig eingestuft werden. Die drei Gruppen des Projekts spielten sozusagen den gesamten Kalten Krieg durch. Im Nachhinein betrachtet gelang es ihnen gar nicht so schlecht, schon 1953 den Kurs vorherzusehen, dem dieser Krieg schließlich folgen würde. Insgesamt gesehen erwiesen sie sich im Hinblick auf die Risiken für die Vereinigten Staaten als bemerkenswert weitsichtig und vertraten recht vernünftige Ansichten hinsichtlich der verschiedenen Instrumente, die für einen Sieg der Vereinigten Staaten erforderlich sein würden.

Paul H. Nitze, 1907-2004 (© Truman-Bibliothek)
Jede Gruppe setzte sich aus etwa zehn Vertretern verschiedener Zweige des außenpolitischen Apparats sowie aus einigen wenigen externen Wissenschaftlern zusammen. Gruppe A, die praktischerweise von Kennan geleitet wurde, sollte sich an eine hauptsächlich politische Strategie gegenüber der Sowjetunion halten, die sich in erster Linie auf Europa konzentrierte und ansonsten jedes bedeutende militärische Engagement vermied. Bei dieser Strategie stützte man sich zudem sehr auf die Verbündeten der Vereinigten Staaten und maß dem Zusammenhalt des Bündnisses hohe Priorität bei. Eisenhower gab der Gruppe B ein ähnliches Mandat, erlaubte ihr jedoch eine härtere Linie gegenüber der Sowjetunion und wies sie an, politische Optionen in Erwägung zu ziehen, die sich weniger auf die Bündnispartner an sich und mehr auf das nukleare Arsenal der Vereinigten Staaten stützten. Diese Gruppe erhielt daher einen eher unilateralen Auftrag, der jedoch trotzdem direkte militärische Maßnahmen im sowjetischen Einflussbereich eindeutig ausschloss. Die Gruppe C war die "Roll-Back"-Gruppe. Nitze wurde nicht in das Projekt einbezogen, aber das Mandat der Gruppe C entsprach nahezu wortwörtlich den Lösungsvorschlägen des NSC-68: Beschneidung der sowjetischen Macht und des Gebiets unter sowjetischer Kontrolle an allen Orten und mit allen verfügbaren Mitteln. Eisenhower schickte Goodpaster in die Gruppe C, nicht weil sich Goodpaster als Befürworter der "Roll-Back"-Strategie erwiesen hätte, sondern weil er sich auf die Integrität seines Mitarbeiters verließ und wusste, dass Goodpaster in der Gruppe C für einen soliden Bericht sorgen würde.

Die Ergebnisse waren genau so, wie Eisenhower es beabsichtigt hatte. Die "Roll-Back"-Strategie und das NSC-68 landeten im Abfalleimer der Geschichte, zumindest bis Ronald Reagan unter ganz anderen Umständen einzelne Aspekte davon wiederbelebte. Die Teilnehmer des Projekts "Solarium" kamen zu dem Schluss, dass eine "Roll-Back"-Politik unter den Rahmenbedingungen der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts unweigerlich zu einer Katastrophe führen würde. Gruppe A gelang es indessen, eine geeinte Front des Westens sicherzustellen, aber sie fühlte sich zu sehr durch militärische Schwäche und veränderliche politische Positionen der Europäer, insbesondere in Deutschland, beeinträchtigt. Gruppe B lag irgendwo dazwischen: ein wachsendes nukleares Arsenal hielt die Sowjetunion in Schach, doch die Last der westlichen Verteidigung lag allein auf den Schultern der Vereinigten Staaten.

Eisenhower trug dann eine Zusammenfassung der Ergebnisse der drei Gruppen vor, die laut Kennan "den geistigen Vorsprung des Präsidenten vor allen anderen Anwesenden erkennen ließ". Goodpaster fragte: "Sie eingeschlossen, George?", worauf Kennan erwiderte: "Ja, denn nur der Präsident hat sich als fähig erwiesen, die politischen und militärischen Aspekte der zu erörternden politischen Optionen in vollem Umfang zu erfassen."

Die Debatte darüber, ob oder wie die Vereinigten Staaten den Kalten Krieg gewonnen haben, wird noch einige Jahrzehnte andauern, doch sicher ist, dass die Synthese Eisenhowers das Überleben ermöglichte. Er machte aus einer ambivalenten Doktrin der Eindämmung eine funktionierende Abschreckungspolitik. Kennans Vorliebe für Propaganda, verdeckte Operationen und politischen Druck reichte nicht aus. Nitzes Plan war zu riskant und zu ungenau. Die beiden Ansätze erforderten also eine Synthese, die eine sowjetische Aggression durch Abschreckung verhinderte und zugleich eine gemeinsame Front mit den Verbündeten der Vereinigten Staaten aufrechterhielt sowie die innenpolitischen Kosten eines langen und kostspieligen Konflikts begrenzte. Die Strategie, die im Dokument NSC-162/2 festgehalten wurde, führte zu einem derartigen Ausgleich und erwies sich als dauerhafte Lösung - nicht zuletzt auch deshalb, weil die verschiedenen Teilnehmer des Projekts in einen Prozess eingebunden waren, der (wie Eisenhower in Erinnerung an seine Zeit bei der NATO zu sagen pflegte) nach dem Grundsatz "jeder einzelne in Anwesenheit aller" konzipiert war.

George F. Kennan, 1904-2005 (© Außenministerium der Vereinigten Staaten)
Über die damaligen persönlichen Überlegungen und Gespräche der drei Männer können wir nun nichts mehr in Erfahrung bringen. Doch sie lebten in den Jahren nach dem Projekt bis zu ihrem Tod ein Leben, das mit der Rolle im Einklang stand, die jeder von ihnen direkt oder indirekt während des Unternehmens "Solarium" spielte. Jeder gab weiterhin Anstoß zu Debatten und leistete zugleich einen Beitrag zur Herbeiführung eines Konsenses hinsichtlich der im Kalten Krieg anzuwendenden Strategie. Von Princeton aus arbeitete Kennan unermüdlich an der Verteidigung und Verfeinerung seines Verständnisses von "Containment" und seiner diesbezüglichen Empfehlungen, während er gleichzeitig mehrere preisgekrönte Werke zur Geschichte der Diplomatie verfasste. Nitzes Laufbahn verlief weiterhin abwechselnd innerhalb und außerhalb der Regierung; während des Vietnamkriegs war er stellvertretender Verteidigungsminister mit Zuständigkeit für die Marine (damals wurde er eine verdeckte Taube), dann übernahm er wieder seine frühere Rolle an der Spitze der Falken des Kalten Krieges und handelte nahezu jeden bedeutenden Rüstungskontrollvertrag mit der Sowjetunion aus. Goodpaster war Berater für weitere acht Präsidenten und spielte eine unauffällige, aber entscheidende Rolle hinter den Kulissen; z.B. half er, Ronald Reagan zu einer aufgeschlossenen Haltung gegenüber Michail Gorbatschow und dessen Reformen zu bewegen; er entwarf nach dem Kalten Krieg die ersten Sicherheitsregelungen für die Staaten Mittel- und Osteuropas, und zuletzt half er dem Pentagon bei den Plänen für eine Überarbeitung der Nuklearpolitik.

Dass die Vereinigten Staaten und die Welt insgesamt den Kalten Krieg überlebten, lag zum Teil daran, diese drei Männer gemeinsam mit vielen anderen die intellektuelle Kontinuität aufrechterhielten, die - wie Eisenhower befürchtete - aufgrund politischer Großtuerei verlorengehen könnte. Jeder erinnerte die führenden Politiker daran, dass es keine neue Zauberstrategie für die sowjetische Herausforderung gab. Die Interessen der Vereinigten Staaten erforderten eine sorgfältige Mischung: Kennan mit seinem Glauben an Diplomatie und politischen Druck, Nitze mit seiner militärischen Einsatzbereitschaft und Goodpaster mit der Gewährleistung der Abschreckungsstrategie. Jeder von ihnen war auf seine ihm eigene Weise gleichzeitig Soldat, Akademiker und Staatsmann. Ohne sie ist die Welt unsicherer geworden.
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