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Geschichte

Manlio Brosio: Architekt des Konsenses in der Zeit des Kalten Krieges

25 Jahre nach dem Tod Manlio Brosios zieht Ryan C. Hendrickson eine Bilanz der Amtszeit dieses vierten Generalsekretärs der NATO.


(© NATO)

Seit Manlio Brosio, der vierte Generalsekretär der NATO, vor 25 Jahren am 14. März 1980 verstarb, haben sich das strategische Umfeld für die Operationen der NATO und auch die Aktivitäten des Bündnisses bis zur Unkenntlichkeit verändert. Ein Aspekt der Arbeit der NATO, der sich nicht verändert hat, ist jedoch der Prozess zur Herbeiführung von Konsensbeschlüssen. Und genau auf diesem Gebiet hat sich Brosio, ein stiller Mann, der selten im Mittelpunkt der Öffentlichkeit oder des Medieninteresses stand, während seiner siebenjährigen Amtszeit an der Spitze des Bündnisses (1964-1971) besonders hervorgetan.

Brosio (geb. 1897) studierte an der Universität Turin Jura. Seinem frühen Interesse an der Politik wurde durch die Machtübernahme der Faschisten vorzeitig ein Ende bereitet. 1943 kehrte er als Antifaschist auf die politische Bühne zurück und wurde für kurze Zeit stellvertretender Premierminister und dann (1945 und 1946) Verteidigungsminister Italiens. Nachdem er von 1947 bis 1964 Botschafter seines Landes in der Sowjetunion, im Vereinigten Königreich, in den Vereinigten Staaten und dann in Frankreich gewesen war, kam Brosio zur NATO, wo er genau der richtige Mann war, um den damaligen Herausforderungen für das Bündnis entgegenzutreten. In Political Leadership in NATO (Westview Press, Boulder, CO, 1979) vertreten die Hauptchronisten der NATO-Generalsekretäre während des Kalten Krieges, Robert S. Jordan und Michael Bloom, die Ansicht, dass Brosio der transatlantischen Einheit stets zutiefst verpflichtet geblieben sei und an der Spitze des Bündnisses wirklich ein Vertreter aller NATO-Mitglieder war - der großen und der kleinen.

Brosio scheute in seiner ruhigen, freundlichen Art vor direkten Konfrontationen im Bündnis zurück und konzentrierte sich eher darauf, eine effiziente Verwaltung sicherzustellen und durch geduldige Diplomatie und persönliche Gespräche auf einen Konsens hinzuarbeiten. Brosio war äußerst belesen, besaß einen Sinn für Einzelheiten und begann seinen Arbeitstag bei der NATO gewöhnlich frühmorgens damit, sich sofort intensiv mit allen politischen Aspekten der Operationen des Bündnisses auseinander zu setzen. Seine Mitarbeiter erinnern sich, dass er außerordentlich gut über die damals aktuellen Themen Bescheid wusste, was er dadurch erreichte und beibehielt, dass er die Morgenzeitungen geradezu verschlang. Zu seiner Morgenroutine zählte auch die Beschäftigung mit der deutschen Sprache, denn er meinte, er müsse seine Deutschkenntnisse verbessern, um den Interessen aller Bündnismitglieder noch effizienter dienen zu können.

Die Amtszeit Brosios war für die Einheit des Bündnisses eine besonders schwierige Zeit, in der die NATO ihr strategisches Denken von der Doktrin der "massiven Vergeltung" zu einer Doktrin der "flexiblen Reaktion" weiterentwickelte, und infolge von Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich dieser neuen Doktrin verlegte das Bündnis seinen Sitz von Paris nach Brüssel.

Jordan und Bloom weisen darauf hin, dass Brosio in seinem Bemühen, als Generalsekretär stets alle 15 Mitgliedstaaten zu vertreten, vorübergehend auf den Vorsitz im Nordatlantikrat verzichtete. Während der Verhandlungen über den Umzug der NATO nach Brüssel war somit de facto der belgische NATO-Botschafter, André de Staercke, Vorsitzender des Nordatlantikrats. Brosio konzentrierte sich unterdessen darauf, enge Kontakte und offene Kommunikationskanäle zu allen NATO-Staaten aufrechtzuerhalten und die Einheit des Bündnisses zu fördern.

Während der Vorbereitungen der NATO auf den Umzug nach Brüssel ergaben sich bündnisinterne Meinungsverschiedenheiten bezüglich Rüstungskontrollvorschlägen gegenüber der Sowjetunion, und viele NATO-Staaten meinten, innerhalb der NATO seien mehr Konsultationen erforderlich. Auf Vorschlag des belgischen Außenministers Pierre Harmel leitete der Nordatlantikrat eine Studie ein, in deren Rahmen Auftrag und Zweck der NATO im Kalten Krieg überprüft werden sollten.

Der Harmel-Bericht, der nach einem Jahr aus dieser Studie hervorging, skizzierte einen revolutionären neuen Kurs für die NATO und kam zu dem Schluss, dass das Bündnis zwei Aufgaben von gleich großer Bedeutung habe: Verteidigung und Entspannung. Somit empfahl der Bericht, dass die NATO sowohl ihre traditionelle Aufgabe der Verteidigung beibehalten als auch auf das neue Ziel der "Entspannung" hinarbeiten solle. Dies bedeutete, dass sich die Bündnispartner zwar der anhaltenden Bedrohung ihrer Sicherheit durch die Sowjetunion und den Warschauer Pakt sowie der Notwendigkeit der militärischen Abschreckung bewusst sein sollten, dass sie aber zugleich auch versuchen sollten, ihre Beziehungen zu anderen Staaten zu stabilisieren und die zugrundeliegenden politischen Probleme zu lösen.

Heute betrachten die meisten Experten den Harmel-Bericht als ein Dokument von grundlegender Bedeutung, das dazu beitrug, den Auftrag des Bündnisses zu erweitern, so dass sich die NATO von einer rein militärischen Organisation zu einem diplomatischen Bündnis weiterentwickeln konnte, das auch politische Aufgaben hat. In NATO, The European Union and the Atlantic Community: The Transatlantic Bargain Reconsidered (Rowan und Littlefield, Boulder, CO, 2002) meint Stanley R. Sloan, der Harmel-Bericht habe in einer Zeit, in der sich die NATO weiterentwickelte und zur Gewährleistung der transatlantischen Sicherheit neue diplomatische, politische und militärische Ansätze verfolgte, zur Wiederherstellung eines breiten strategischen Konsenses unter den Bündnispartnern beigetragen. Vielleicht ebnete der Harmel-Bericht auch den Weg für die noch weiter greifenden Änderungen der NATO-Aufgaben, die 1991 auf dem Gipfel in Rom beschlossen wurden, als die Bündnispartner das erste Strategische Konzept der Zeit dem Ende des Kalten Krieges verabschiedeten.

Interessanterweise hegte Brosio selbst zunächst gewisse Zweifel hinsichtlich der Entspannungspolitik. Dies wird in seinen bisher unveröffentlichten Tagebüchern deutlich, die im Archiv der Luigi-Einaudi-Stiftung in Turin aufbewahrt werden und derzeit von dem italienischen Historiker Bruna Bagnato von der Universität Florenz im Hinblick auf eine Herausgabe bearbeitet werden. Trotzdem stellte sich Brosio am Ende uneingeschränkt hinter den Harmel-Bericht. So förderte er sowohl vor als auch nach der förmlichen Annahme des Berichts durch die Bündnispartner mit seinen diplomatischen Bemühungen innerhalb des Bündnisses die transatlantische Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Rüstungskontrolle. Unterdessen führten einige unter der Federführung der Vereinigten Staaten eingeleitete Initiativen zum Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen und zu den Gesprächen über die Begrenzung strategischer Waffen.

Im Hinblick auf Brosio erinnert man sich nicht nur an die Führungsqualitäten, die er bei den genannten Anlässen in der Geschichte der NATO unter Beweis stellte, sondern auch an einen Fürsprecher für Verteidigungsausgaben, an seine disziplinierte Leitung von Sitzungen des Nordatlantikrats sowie an seine Kenntnis und respektvolle Einhaltung der diplomatischen Regeln unter den Bündnispartnern. Brosio verfügte zudem über die Gabe, während Ratssitzungen auch in angespannten Situationen die Ruhe zu bewahren, und er ließ selbst bei den hitzigsten Diskussionen nur selten eine Gefühlsregung erkennen. In den kritischsten Augenblicken erwies er ein besonderes Geschick bei der Formulierung von Beschlüssen, wobei er sich semantische und politische Nuancen zunutzte machte, mit denen ein Bündniskonsens möglich wurde.

Der ehemalige amerikanische NATO-Botschafter Harlan Cleveland, der die Vereinigten Staaten während der Amtszeit Brosios im Bündnis vertrat, würdigt den vierten Generalsekretär der NATO in seinen Memoiren NATO: The Transatlantic Bargain (Harper und Row, New York, 1970) als einen Mann, der bei den schwierigsten Fragen die nötigen "politischen Impulse" für einen Konsens gewährleistet habe. Er führt dies auf Brosios vorsichtige und kluge Diplomatie zurück, die häufig dazu beitrug, unter den Bündnispartnern Verständigung und Einvernehmen herbeizuführen.

Brosio war ein eifriger Anhänger der Dienstagsrunden der NATO-Botschafter, bei denen die Ständigen Vertreter zu einem informellen Lunch zusammenkommen und gemeinsame politische Ziele erarbeiten konnten. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger, Dirk Stikker, legte Brosio großen Wert darauf, an diesen Runden teilzunehmen, die sich somit zu einem wichtigen, einzigartigen Element des institutionellen Apparats der NATO entwickelten.

Brosio gelang es auch, mit beiden Obersten Alliierten Befehlshabern Europa (SACEUR), mit denen er während seiner Amtszeit als Generalsekretär zu tun hatte, nämlich mit den amerikanischen Generalen Lyman L. Lemnitzer und Andrew J. Goodpaster, eine effiziente Zusammenarbeit herzustellen, obwohl sich die beiden von ihrer Persönlichkeit und ihrem Führungsstil her sehr stark voneinander unterschieden.

Da ein Generalsekretär der NATO Beschlüsse des Bündnisses nur in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Nordatlantikrats beeinflussen kann und keine förmliche Befugnis oder Entscheidungsgewalt hinsichtlich der Bündnispolitik hat, sind seine Möglichkeiten, einen neuen Kurs für die NATO abzustecken, immer recht begrenzt. Wie viele andere Generalsekretäre hatte auch Brosio gelegentlich Schwierigkeiten, sich Gehör zu verschaffen, so dass man seinen persönlichen Einfluss auf die Bündnispolitik nicht überbewerten sollte. Angesichts der komplexen strategischen Herausforderungen, mit denen die NATO in der Mitte der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts konfrontiert war, ergibt die historische Bilanz trotzdem ein äußerst positives Bild von seiner Amtszeit an der Spitze der NATO. Das Fingerspitzengefühl und die geduldige Diplomatie, mit denen er sich in seinem Amt auszeichnete, sind Fähigkeiten, die wohl alle Generalsekretäre pflegen müssen, um der NATO in Zeiten des Wandels und der bündnisinternen Meinungsverschiedenheiten mit Rat und Tat zur Seite stehen zu können.

Ryan C. Hendrickson ist Professor für Politologie an der Universität von Ostillinois und arbeitet derzeit an einem Buch über die Generalsekretäre der NATO.

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