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Rezension
Die Diaspora und der Zusammenbruch Jugoslawiens
  Thomas Yde bespricht zwei kürzlich erschienene Bücher, in denen untersucht wird, welche Rolle Emigranten des Balkans in den Kriegen spielten, die zur Auflösung Jugoslawiens führten.

Be not Afraid for you have Sons in America, How a Brooklyn Roofer Helped Lure the US into the Kosovo War, Stacy Sullivan, St. Martin's Press, New York, 2004

Homeland Calling, Exile Patriotism and the Balkan Wars, Paul Hockenos, Cornell University Press, Ithaka und London, 2003

Was war die treibende Kraft hinter den blutigen ethnischen Konflikten, die zum Auseinanderbrechen Jugoslawiens führten und ungeheures menschliches Leid verursachten, das den Balkan in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts zeichnete und weiterhin dunkle Schatten über die Region wirft? Über diese Frage ist seit Anfang der 90er Jahre heftig diskutiert worden, und sie ist auch heute noch Gegenstand hitziger Debatten. In den letzten zehn Jahren hat sie somit im Mittelpunkt zahlreicher ausgezeichneter Publikationen gestanden und unzähligen Berichten und hochrangigen Konferenzen das Thema geliefert. Manche Kommentatoren haben im Einklang mit der allgemein gängigen Auffassung die Meinung vertreten, dass die Antwort im tiefverwurzelten ethnischen Hass zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen des ehemaligen Jugoslawien liegt - ein Hass, der in Jahrhunderten voller Konflikte entstand und durch die tiefe sozioökonomische Kluft zwischen dem relativ wohlhabenden Norden und dem ärmeren Süden des Landes noch verstärkt worden ist. Man sagt, dieser Hass sei unter Titos charismatischer Führung in Grenzen gehalten, jedoch nie ganz beseitigt worden, so dass er nach Titos Tod unweigerlich wieder in den Vordergrund getreten sei.

Andere Kommentatoren haben betont, welch entscheidende Rolle führende Politiker wie Slobodan Milosevic und Franjo Tudjman bei der Anheizung nationalistischer Gefühle spielten, die sie als Mittel zur Konsolidierung ihrer Macht benutzten. Laut dieser Ansicht war der radikale Nationalismus, der die Balkankriege kennzeichnete, nicht unvermeidbar, sondern die Folge sorgfältig bemessener und genau berechneter Desinformations- und Propagandakampagnen, mit denen historische Ereignisse zur Verbreitung von Angst und Hass bewusst entstellt wurden, weil man so bestimmte politische Ziele verfolgen wollte. Die Amselfeldrede, die Slobodan Milosevic im Juni 1989 anlässlich des 600. Jahrestags der Schlacht auf dem Amselfeld hielt, kann z.B. als bewusster Versuch verstanden werden, sich durch die Auslösung ethnischer Unruhen zwischen Kovoso-Albanern und Serben die innerserbische Unterstützung zu sichern.

Gemeinsam ist den beiden Erklärungen die Ansicht, dass die Ursachen für die Kriege auf dem Balkan im Wesentlichen innerhalb Jugoslawiens liegen. Gefehlt hat der bisherigen Debatte in gewisser Weise eine Prüfung äußerer Faktoren als Auslöser für die gewaltsamen Konflikte, die zum Auseinanderbrechen Jugoslawiens führten. Die Rolle der Diaspora ist beispielsweise noch zu wenig erforscht. Die Macht und der Einfluss von Emigranten in Australien, Europa, Kanada, Südamerika und den Vereinigten Staaten sind natürlich in Untersuchungen wie Mary Kaldors Old and New Wars, Organized Violence in a Global Era (Polity, 1999) zur Sprache gekommen, aber die Auswirkungen des "Nationalismus aus der Ferne" sind in Analysen der Balkankriege selten als entscheidende Faktoren betrachtet worden. Dies ist wahrscheinlich die Folge der Schwierigkeiten und Gefahren bei der Aufdeckung der Schattenwelt, in der die radikalen nationalistischen Elemente der Diasporagruppen operieren.

Folglich leisten die Bücher von Stacy Sullivan Be not Afraid for you have Sons in America, How a Brooklyn Roofer Helped Lure the US into the Kosovo War (St. Martin's Press, New York, 2004) und von Paul Hockenos Homeland Calling, Exile Patriotism and the Balkan Wars (Cornell University Press, Ithaka und London, 2003) einen bedeutenden Beitrag zu unserem Verständnis der Kriege auf dem Balkan. Beide Werke bieten eine detaillierte und ausgewogene Darstellung des Zusammenhangs zwischen dem Nationalismus in Emigrantenkreisen und dem gewaltsamen Zerfall Jugoslawiens. Zudem zeigen sie, in welchem Ausmaß der Aktivismus von Emigranten dazu geführt hat, radikale nationalistische Kräfte in den jeweiligen Heimatländern abzustützen, indem er die politischen Ideologien, die finanziellen Mittel und häufig auch die Waffen und die Ausrüstung lieferte, welche die Konflikte anheizten.

Das Buch von Stacy Sullivan ist eine Insiderdarstellung des Kosovokriegs. Es bietet einen beunruhigenden Einblick in die Unterwelt, in der Sullivan fast zwei Jahre als Journalistin arbeitete - in einer Welt von Revolutionären, Gangstern, Möchtegernpolitikern, Waffenhändlern, Kriegsgewinnlern und verängstigten, verarmten Kosovo-Albanern in den Dörfern. Das Buch zeigt, wie ein albanischer Einwanderer in den Vereinigten Staaten, ein Dachdecker aus Brooklyn namens Florin Krasniqi, dazu beitrug, eine Guerillaarmee aufzubauen, deren Aktionen letztlich mit dafür verantwortlich waren, dass sich die Vereinigten Staaten und ihre Partner in der NATO zur Einleitung einer humanitären Intervention im Kosovo bewegen ließen. Florin Krasniqi mobilisierte durch den Fonds "Homeland Calling" nicht nur einen Großteil der UCK-Finanzen, sondern trug auch dazu bei, der UCK den größten Teil ihrer militärischen Hardware zu beschaffen. Zudem hatte er über die albanische Lobby in Washington einen gewissen Einfluss auf amerikanische Beschlussfassungsprozesse und organisierte sogar eine Atlantische Brigade nordamerikanischer Freiwilliger, die in ihrem Heimatland mitkämpften.

Das Werk Stacy Sullivans ist aus mehreren Gründen lesenswert. Vor allem ist es ein wichtiger Augenzeugenbericht der Ereignisse, die sich hinter den Kulissen des Kosovokrieges abspielten. Das Buch ist eine wertvolle Primärquelle, die dokumentiert, wie in den Vereinigten Staaten lebende Albaner die Freischärler der UCK finanzierten und ausrüsteten. Ferner liest sich das Buch gut, da es die Geschichte Krasniqis elegant mit einer detaillierten und zugleich unterhaltsamen Geschichte des Kosovos verbindet, die sowohl auf die jüngsten Entwicklungen eingeht als auch umfassend die historischen Wurzeln dieser Entwicklungen darstellt.

Obwohl der Bericht äußerst persönlich gehalten ist und viel Sympathie, Wärme und Verständnis für die Hauptpersonen des Buches erkennen lässt, gelingt es Sullivan, kritische Distanz zu den Ereignissen und Personen zu wahren, die sie beschreibt. Dies wird am einleitenden Zitat deutlich - Friedrich Nietzsches Warnung: "Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird..." Dies ist in klarer Hinweis auf Krasniqi, der sich durch seine Reaktionen auf serbische Gräueltaten am Ende selbst der Brutalität ergibt. Dieses Zitat bringt auch eine allgemeinere Kritik an den Kosovo-Albanern zum Ausdruck, die nach dem Krieg in ethnischer Verblendung nichts unternahmen, um Vergeltungsaktionen gegen serbische Zivilisten zu verhindern. Auch wenn die Albaner den Teufelskreis der Gewalt im Kosovo vielleicht nicht in Gang gesetzt haben mögen, hat ihr Versagen bei der Herstellung von Recht und Ordnung und der strafrechtlichen Verfolgung von Angehörigen ihrer Volksgruppe für an Serben begangene Gräueltaten dazu geführt, dass man aus diesem Teufelskreis nicht so leicht herauskommt, lautet die Argumentation Sullivans. Vor diesem Hintergrund könnte die Entscheidung des ehemaligen Ministerpräsidenten Ramush Haradinaj, sich dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu stellen, einen bedeutenden ersten Schritt in Richtung auf Frieden und Stabilität im Kosovo darstellen.

Obwohl das Buch den Leser fesselt, gelingt es Sullivan nicht, die Rolle der Diaspora in einen umfassenderen analytischen Rahmen zu stellen. Das Werk befasst sich z.B. nicht mit der wichtigen Frage, warum weite Kreise der albanischen Diaspora die demokratische Kultur ihrer jeweiligen Wahlheimat nur zögernd übernehmen und sich eher einem radikalen Nationalismus zuwenden, der in direktem Gegensatz zu einigen zentralen Werten der Demokratie steht. Historische Animositäten zwischen Albanern und Serben und die vom Regime Milosevics begangenen Gräueltaten stellen nur einen Teil der Erklärung dar, und Sullivan zeigt keine anderen, allgemeineren Ursachen für den Nationalismus unter Emigranten auf. Das Buch untersucht auch nicht den Zusammenhang zwischen der Rolle der Diaspora und dem Begriff der Globalisierung. Fortschritte im Kommunikationsbereich und eine Verstärkung des Austauschs von Ideen, Informationen, Waren und Dienstleistungen sowie große Kapitalströme haben eindeutig dazu beigetragen, dass die Diaspora im Hinblick auf die Anheizung ethnischer Konflikte mehr Bedeutung erlangen konnte. Obwohl Sullivan häufig darauf verweist, dass sich Krasniqi moderne Formen globaler Kommunikationsmittel und transnationale Bankennetzwerke zunutze gemacht hat, untersucht sie hier nicht die Zusammenhänge.

Das Buch von Paul Hockenos befasst sich eingehend mit diesen und anderen Fragen und bietet eine breiter angelegte Analyse der Rolle von Exilanten und Emigranten im Hinblick auf die Balkankriege der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Hockenos vertritt die Ansicht, dass die Verantwortung für diese Kriege zwar letztendlich bei den Völkern und führenden Politikern der Balkanstaaten liegt, die albanische, kroatische und serbische Diaspora jedoch zu den Konflikten der 90er Jahre beitrug und in ihrem jeweiligen Heimatland nur selten demokratische Kräfte abstützte. Die Balkandiaspora fungierte als Geldgeber führender nationalistischer Politiker, steckte Millionen von Dollars in Lobbykampagnen in den Vereinigten Staaten, trug zur Finanzierung und Bewaffnung von Guerillaverbänden bei und stellte sogar Freiwillige für die Kampfhandlungen zur Verfügung. Hockenos weist auch überzeugend nach, dass viele Ideen, die den virulenten Nationalismus inspirierten, der die Grundlage der politischen Programme von führenden Politikern wie Tudjman und Milosevic bildete, von Exilanten formuliert wurden. Nach Kroatien, in den Kosovo und nach Serbien kehrten Emigranten sogar zurück, um in nationalistischen Regierungen hohe Ministerposten zu übernehmen.

Der Schriftsteller und politische Kommentator Paul Hockenos, der in Bosnien und Herzegowina auch für die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa gearbeitet hat, führt die Neigung zu radikalem Nationalismus, die bei politisch aktiven Vertretern der Balkandiaspora zu erkennen ist, auf die Erfahrung der Vertreibung aus ihrer Heimat nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zurück. Die Wunden der Niederlage und der Vertreibung wurden seiner Meinung nach zum Nährboden von Hass- und Unmutsgefühlen, die für die politisch interessierten Emigrantenorganisationen kennzeichnend waren und dafür sorgten, dass sie den militanten nationalistischen Ideologien der faschistischen und royalistischen Bewegungen der 30er und 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts verhaftet blieben. Dies entwickelte sich auch deswegen so, weil die Diaspora die Jahrzehnte der Koexistenz während des Kalten Krieges, die zum Abbau von Spannungen und zur Herstellung von Vertrauen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen beigetragen hatten, eben nicht erlebte. Daher war die Diaspora wenig dazu geeignet, nach dem Zusammenbruch des Kommunismus die demokratische Kultur ihrer Wahlheimat auch in ihren jeweiligen Heimatländern zu fördern.

Laut Hockenos haben die zentrifugalen Kräfte der Globalisierung den leidenschaftlichen Nationalismus der Exilanten eher verschärft als gemildert, was zum einen an der Anonymität und der Unsicherheit liegt, die durch die Globalisierung entstehen, und zum anderen dadurch zu erklären ist, dass der verstärkte Austausch von Informationen, Waren und Kapital Emigranten ermöglicht, die Bindung an ihr Heimatland aufrechtzuerhalten. Da die Globalisierung die Grenzen zwischen dem Heimatland und der Diaspora beseitigte, hat sie den Einfluss des "Nationalismus aus der Ferne" auf innenpolitische Prozesse erhöht.

Hockenos legt viele Wurzeln des radikalen Nationalismus, der in Emigrantenkreisen gepflegt wird, frei und leistet so einen bedeutenden Beitrag dazu, dass wir die Kriege auf dem Balkan besser verstehen können. Es wäre jedoch gut gewesen, wenn er auch den sich logisch ergebenden nächsten Schritt unternommen und untersucht hätte, wie die Diaspora vielleicht in ihren jeweiligen Heimatländern als Fürsprecher demokratischer Reformen eingesetzt werden könnte. Wie Hockenos selbst einräumt, verfügen die Emigranten aus den Balkanstaaten neben ihren destruktiven Fähigkeiten über ein enormes Potential, mit dem sie die Demokratisierung ihrer Heimatländer und die Schaffung der Grundlagen für Stabilität und Wohlstand unterstützen könnten.

Angesichts der großen Sachkenntnis von Hockenos ist es auch schade, dass er nicht versucht, die Rolle der Balkandiaspora in einen umfassenderen historischen und kulturellen Rahmen einzuordnen. Es wäre für das Buch von Vorteil gewesen, wenn im Hinblick auf das 19. und 20. Jahrhundert die Unterschiede und Gemeinsamkeiten des Nationalismus unter Balkanemigranten und des Nationalismus von Exilanten aus anderen Teilen der Welt erörtert worden wären. Inwiefern unterschied sich beispielsweise die Rolle der Balkandiaspora hinsichtlich der Verursachung des gewaltsamen Zusammenbruchs Jugoslawiens von der Rolle russischer und irischer Exilanten hinsichtlich der russischen Revolution bzw. hinsichtlich des jahrzehntelangen Konflikts in Nordirland? Die Globalisierung bietet hier eindeutig einen Teil der Antwort, aber das Buch hätte von einer umfassenderen Behandlung dieser Frage durchaus profitiert.

Ingesamt gesehen verdienen die hier besprochenen Bücher jedoch große Anerkennung. Sie zeichnen sich durch sprachliche Gewandtheit aus, sind unterhaltsam geschrieben und bieten eine umfassende Darstellung eines komplexen und zu wenig erforschten Phänomens, das im Hinblick auf den gewaltsamen Zusammenbruch Jugoslawiens in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine wirklich entscheidende Rolle spielte. Da sie unser Verständnis des Nationalismus unter Emigranten verbessern, stellen sie auch ein nützliches Instrument dar, um ethnische Konflikte in den nächsten Jahren zu vermeiden.


Der Däne Thomas Yde ist Absolvent des Fachbereichs für militärische Studien des Londoner King's College und arbeitet vorübergehend in der NATO-Abteilung für "Public Diplomacy".
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