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Rezension
NATO 101
  Stefan Melnik rezensiert eine Einführung in das Bündnis.

Jennifer Medcalf hat mit NATO: A Beginner's Guide (One World, 2004) eine nüchterne und ausgewogene Darstellung der Entwicklungen und Fragestellungen im Atlantischen Bündnis vorgelegt. Sie verwendet eine klare Sprache und schreibt zweifellos für Studenten der Fachgebiete Politik und internationale Beziehungen, die an einer Einführung in die Arbeitsweise und die politischen Grundzüge der NATO interessiert sind. Somit würde dieses Buch auch den Ansprüchen von Nachwuchspolitikern, -offizieren und -diplomaten sowie von Aktivisten nichtstaatlicher Organisationen gerecht werden, die sich mit dem Bündnis befassen wollen.

Der Schwerpunkt des Buches ist angesichts dieses Leserkreises richtig gewählt und liegt auf der Gegenwart und der Zukunft. Trotz des Titels befasst sich diese Publikation nämlich mit den Entwicklungen der jüngsten Zeit sowie mit aktuellen Fragen, und es wird versucht, einige Schlussfolgerungen im Hinblick auf die Überlebensfähigkeit und die Zukunft der NATO zu ziehen. Auf diese Weise ist dieses Buch die jüngste Publikation einer ganzen Reihe ähnlicher Werke - darunter NATO Transformed: The Alliance's New Roles in International Security von David S. Yost (USIP, 1999); NATO, the European Union, and the Atlantic Community: The Transatlantic Bargain Reconsidered von Stanley R. Sloan (Rowman and Littlefield, 2002); Atlanticism for a New Century: The Rise, Triumph, and Decline of NATO von Carl C. Hodge (Prentice Hall, 2004) und NATO Divided, NATO United: The Evolution of an Alliance von Lawrence S. Kaplan (Praeger, 2004).

Trotzdem gelingt es Medcalf, die an der Universität Bath, Vereinigtes Königreich, als Dozentin für internationale Beziehungen tätig ist, einen originellen Ansatz zu präsentieren. So befasst sich das Buch abgesehen von einer kurzen Einleitung zur Geschichte der NATO ausschließlich mit der Zeit nach 1989. Medcalf verliert sich nicht in theoretischen Spekulationen und umgeht daher die Gefahr, Argumente gegen den Fortbestand des Bündnisses anzuführen. Stattdessen wird eine umfassende und zugleich prägnante Beschreibung der Sachverhalte angestrebt.

Die weiteren Kapitel befassen sich mit dem neuen strategischen Umfeld der NATO nach 1989, mit der Neubestimmung ihrer Aufgaben und ihrer Operationen nach dem Ende des Kalten Krieges; mit ihren neuen Erfordernissen auf den Gebieten Organisation, Infrastruktur und Material; mit der Art und Weise, auf die das Bündnis "neue" Sicherheitsgefahren, insbesondere die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und den internationalen Terrorismus, zu bewältigen versucht; mit der Erweiterung um osteuropäische Staaten und mit den Beziehungen der NATO zu Drittstaaten wie der Ukraine. Zahlreiche andere Fragen von politischem Interesse werden ebenfalls ausführlich untersucht, z.B. die langjährige Debatte über Operationen außerhalb des NATO-Gebiets und über die Teilung der Lasten. Die Zusammenfassungen am Ende jedes Kapitels und das Schlusskapitel mit dem Titel An Alliance revitalised? Future challenges for NATO verstärken den Lehrbuchcharakter dieses Werkes. Wer es bis zur letzten Seite liest, dürfte einen guten Überblick über die wesentlichen Sachverhalte haben, die klar und sachkundig dargelegt werden.

Trotzdem sind einige Defizite festzustellen, die eine künftige Ausgabe vielleicht beheben könnte. Das Buch befasst sich nämlich nicht - noch nicht einmal in Form von ausgewählten Fallstudien - mit Meinungsströmungen, die sich auf den politischen Beschlussfassungsprozess auswirken bzw. ihm zugrunde liegen. Beispielsweise sind antiamerikanische und damit auch NATO-feindliche Strömungen in der Bevölkerung einiger bedeutender westeuropäischer Staaten sowie das Erstarken pazifistischen Gedankenguts und pazifistischer Ideale unter Intellektuellen in diesen Ländern Faktoren, durch die es für Politiker schwierig wird, sich angemessen mit Verteidigungsfragen auseinander zu setzen. Verschiedene finanzpolitische Sachzwänge haben in Verbindung mit dem Vorrang, den man der sozialen Sicherheit in vielen Ländern Europas einräumt, zu einem Klima beigetragen, in dem sich Beschlüsse zu Verteidigungsausgaben und zur Wehrbeschaffung wirklich schlecht verkaufen lassen. Und die heutigen Politiker verteidigen die Sache des Bündnisses auch nicht so entschieden wie ihre Vorgänger. Es war z.B. schwierig, in Deutschland überhaupt einen Parteipolitiker - mit der bekannten Ausnahme der CDU-Vorsitzenden - zu finden, der die Operation Iraqi Freedom unter der Führung der Vereinigten Staaten zumindest moralisch unterstützen und somit der NATO in Irak eine Rolle geben wollte. Die Rolle des Bündnisses in Irak ist sogar immer noch begrenzt. Eine länderspezifische Übersicht über die Haltung der Öffentlichkeit gegenüber der NATO hätte zu einem besseren Verständnis der Herausforderungen beigetragen, mit denen das Bündnis konfrontiert ist.

Das Buch stellt die Dinge aus der Sicht von politischen Entscheidungsträgern und Beamten, also von oben nach unten dar. Das ist nicht unbedingt schlecht, aber dadurch erhält man nur einen Teil, wenn auch einen wichtigen Teil des Gesamtbildes. Leider führt dieser Ansatz Medcalf dazu, einige heikle Fragen unberücksichtigt zu lassen. Das würde man wohl von einem NATO-Bediensteten erwarten, aber nicht von einer Wissenschaftlerin. So wird zwar den Moskauer Bedenken wegen der Erweiterung der NATO viel Aufmerksamkeit gewidmet, aber Medcalf geht nicht auf den wichtigsten Grund für den Bündnisbeitritt der neuen Mitglieder ein, nämlich auf die Angst vor Russland. Die Auswirkungen, die dieser Umstand möglicherweise auf den politischen Beschlussfassungsprozess in der NATO haben könnte, sollten durchaus erwähnt werden. Wegen der ganz anderen Haltung gegenüber Russland, die in Berlin und in Paris vertreten wird, besteht hier offensichtlich die Gefahr von bündnisinternen Meinungsverschiedenheiten. Ist die Angst vor Russland gerechtfertigt? Ist die Haltung Frankreichs und Deutschlands mit der Haltung beispielsweise der baltischen Staaten vereinbar? Ebenso fehlt eine Erörterung der Spaltung zwischen dem "alten" und dem "neuen" Europa, obwohl diese Ausdrücke immer noch in politischen Diskussionen verwendet werden.

Die Gefahren, denen die NATO-Staaten in einer von der zunehmenden Globalisierung geprägten Welt gegenüberstehen, sind greifbar und klar erkennbar. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis mehrere instabile Regime über die nötigen Mittel verfügen, um sowohl für Europa als auch für Nordamerika eine direkte militärische Bedrohung darzustellen. Die Bedrohung durch den internationalen Terrorismus nimmt zu, und die Probleme im Zusammenhang mit ethnischen Konflikten und dem Zusammenbruch von Staaten sowie den damit verbundenen humanitären Katastrophen und Flüchtlingskrisen werden andauern. Wird sich die NATO diesen Herausforderungen stellen oder auseinander fallen? Jennifer Medcalf hat die Fakten zusammengestellt, sowohl die zentrifugalen als auch die zentripetalen Tendenzen innerhalb des Bündnisses untersucht und die Gründe dafür dargelegt, warum das Bündnis fortbestehen sollte. Doch ob es fortbestehen wird oder nicht, das ist eine andere Frage.

Wenn ein führender Politiker die engen Beziehungen zu seinem wichtigsten Bündnispartner "opfert", um Wahlen zu gewinnen, ist Skepsis mehr als angebracht. Die Autorin hätte gut daran getan, sich mit der Frage zu befassen, wie die Entfremdung zwischen Bündnispartnern überwunden werden kann. Genau das ist nämlich die wichtigste Herausforderung für die NATO - nicht die genannten Aspekte, dass man zu hohen Belastungen ausgesetzt ist, dass die Handlungsfähigkeit der NATO-Mitglieder sichergestellt werden muss und dass der Unilateralismus der Vereinigten Staaten zu überwinden ist (auch wenn diese Aspekte nicht unwichtig sind). Der amerikanische Unilateralismus kann schließlich auch als eine Reaktion auf die Entfremdung verstanden werden. Medcalf bietet eine überzeugende Darstellung der objektiven Gründe, die für die Erhaltung einer funktionsfähigen NATO sprechen, aber sie spricht nicht von den unterschwelligen Gefahren für den Fortbestand des Bündnisses.

Mit Blick auf den Leserkreis, für den das Buch geschrieben ist, weist es auch einige formale Mängel auf: übermäßige Verwendung von Akronymen im Text (ein Problem, das durch die Liste zur Erklärung von Akronymen nicht gelöst wird), keinerlei Abbildungen, mangelnde graphische Darstellung von Fakten und Zahlen. Trotzdem zeichnet sich das Buch neben den bereits genannten Vorzügen durch zahlreiche positive Aspekte aus: Es bietet am Anfang eine kurze grundlegende Darstellung der Geschichte und Arbeitsweise des Bündnisses sowie ein übersichtliches Glossar, eine Chronologie wichtiger Ereignisse, kurze Verteidigungsprofile der NATO-Mitglieder (Einwohnerzahl, Zahl der Streitkräfte, Verteidigungshaushalt der letzten drei Jahre) sowie den Wortlaut des Washingtoner Vertrags. Insgesamt betrachtet bedeutet dieses Werk für einen Leser, der an grundlegenden Informationen und an einer Orientierungshilfe interessiert ist, ein mehr als hilfreiches Instrumentarium, für das viele Studenten zweifellos dankbar sein werden.

Stefan Melnik verfasst als Freiberufler Publikationen zu internationalen Angelegenheiten und ist Berater für Demokratisierungsprogramme.
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