Analyse

Überprüfung der Rolle des Bündnisses bei der Bekämpfung des Terrorismus

C. Richard Nelson untersucht, wie die NATO zur Bekämpfung des Terrorismus beiträgt und wie sie diesen Beitrag ausweiten könnte.

Der internationale Terrorismus stellt für die euro-atlantische Staatengemeinschaft eine komplexe, anhaltende Bedrohung dar, die eine umfassende multilaterale Gegenstrategie unter Einbeziehung der NATO verlangt. Es ist jedoch unklar, in welchem Umfang das Bündnis zu diesen Bemühungen beitragen wird, da sich einige NATO-Staaten für ein weitgehendes Engagement aussprechen, während andere eine eher bescheidene Rolle bevorzugen.

Zu Beginn der Debatte über die richtige Rolle und Aufgabe der NATO wurden zwei gegensätzliche Haltungen gegenüber dem Terrorismus deutlich: der "kriegerische" Ansatz und der Ansatz des "Risikomanagements". Ersterer, der vor allem von den Vereinigten Staaten vertreten wird, ist mit einer massiven Mobilisierung von Ressourcen und mit der Zusammenfassung aller Kräfte verbunden, mit Einschränkungen der persönlichen Freiheitsrechte und mit Opfern. Für viele Europäer ist es einfach falsch, von einem "Krieg" zu sprechen. Man kann den Terrorismus nicht "besiegen", wenn man nicht seine Ursachen beseitigt; und das lässt sich nach Ansicht der Europäer nicht mit militärischen Mitteln erreichen. Aus dieser Sicht ist der Terrorismus im Gegensatz zu einem Krieg, den man gewinnen kann, ein gefährliches, unvermeidbares Risiko, das man in den Griff bekommen muss.

Diese beiden Ansätze schließen einander nicht aus, aber sie führen im Hinblick auf ein kollektives Vorgehen zu unterschiedlichen Prioritäten, Strategien und Abmachungen. Der kriegerische Ansatz verlangt in der Regel eine Strategie, die offensive Präventivmaßnahmen betont, während der Ansatz des Risikomanagements in der Regel eine Strategie voraussetzt, bei der defensive Maßnahmen im Vordergrund stehen. Für eine wirksame Terrorismusbekämpfung sind jedoch Elemente beider Strategien erforderlich.

Die Debatte über die Rolle der NATO bei der Bekämpfung des Terrorismus wurde durch die Meinungsverschiedenheiten in der Irakfrage und die mutmaßlichen Verbindungen Saddam Husseins zu den Al-Qaida-Terroristen noch erschwert. Zudem kommt in den transatlantischen Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich der Terrorismusbekämpfung auch die Tatsache zum Ausdruck, dass viele europäische Staaten ihre eigenen, ganz anderen Erfahrungen mit dem Terrorismus haben und einen umfangreichen und zum Teil schlecht integrierten muslimischen Bevölkerungsanteil aufweisen, dass sie unterschiedliche historische Verbindungen zum Nahen Osten und zu Nordafrika haben, in unterschiedlichem Ausmaß anti-amerikanisch eingestellt sind und unterschiedliche Ansichten im Hinblick auf den israelisch-palästinensischen Konflikt vertreten. Daher sollte es uns nicht überraschen, dass es schwierig war, innerhalb der NATO einen Konsens in der Frage zu erzielen, wie man dem Terrorismus am besten entgegentritt.

Trotz dieser Meinungsverschiedenheiten sind sich die Bündnisstaaten darin einig, dass der internationale Terrorismus eine ernste Bedrohung darstellt, und sie haben beschlossen, sich dieser Herausforderung zu stellen, wodurch sie auch Erwartungen im Hinblick auf ihren Erfolg geweckt haben. Aber selbst wenn das Bündnis nur einen bescheidenen Erfolg erzielen wollte, muss es die Streitigkeiten, die seine Beratungen bisher gekennzeichnet haben, hinter sich lassen.

Erste Reaktionen der NATO

Nach den Terrorangriffen auf die Vereinigten Staaten vom 11. September 2001 setzte die NATO innerhalb von 24 Stunden nach den Anschlägen zum ersten Mal in ihrer Geschichte Artikel 5 in Kraft. Am 4. Oktober 2001 hatten sich die NATO-Mitglieder auf Ersuchen der Vereinigten Staaten auf acht Maßnahmen geeinigt, um ihre Möglichkeiten zur Bekämpfung des Terrorismus zu stärken. Zu diesen ersten Maßnahmen zählten ein verbesserter Austausch nachrichtendienstlicher Erkenntnisse, uneingeschränkte Überflugrechte und uneingeschränkter Zugang zu Häfen und Flugplätzen, Hilfsmaßnahmen für Staaten, die wegen ihrer Unterstützung der Bemühungen der sogenannten Koalition bedroht wurden, sowie die Entsendung von NATO-Marineverbänden in das östliche Mittelmeer und die Ersetzung amerikanischer AWACS-Flugzeuge, die Operationen in Afghanistan unterstützen sollten, durch AWACS-Flugzeuge des Bündnisses, die in die Vereinigten Staaten entsandt wurden.

Die Vereinigten Staaten machten jedoch in den Augen mehrerer Bündnismitglieder einen gravierenden Fehler, als sie sich bei der Einleitung von Operationen gegen die Terrororganisation Al Qaida und gegen die Taliban in Afghanistan nicht stärker auf die NATO stützten. Dies schwächte das Vertrauen zum Bündnis und erschwerte es den Staats- und Regierungschefs der NATO-Mitglieder, den Vereinigten Staaten zusätzliche Unterstützung zu gewährleisten.

Später erkannten die Vereinigten Staaten allerdings an, dass die NATO ein wertvolles Instrument darstellte, um sowohl nationale Antiterrormaßnahmen als auch die Bemühungen der Vereinten Nationen um eine sinnvolle Organisation weltweiter Antiterrormaßnahmen zu ergänzen. Vor diesem Hintergrund schließt die NATO also wegen ihrer einzigartigen Fähigkeiten im Sicherheitsbereich eine wichtige Lücke. Daher bot sich die NATO als natürliche Rahmenstruktur für die ISAF (International Security Assistance Force) in Afghanistan an, die als die erste Operation der NATO außerhalb des euro-atlantischen Raumes in die Geschichte des Bündnisses eingegangen ist. Und der umfassende, systematische Lösungsansatz der NATO ist einer der Gründe dafür, dass der Terrorismus nun auf der sicherheitspolitischen Agenda von 53 Staaten, die direkt mit der NATO zusammenarbeiten, einen hohen Stellenwert erhalten hat. Dabei handelt es sich um die 20 Mitglieder der Partnerschaft für den Frieden und die sieben Teilnehmer des Mittelmeerdialogs sowie um die 26 NATO-Staaten.

Art der Bedrohung

In den letzten drei Jahren hat die NATO einen Konsens in der Ansicht erzielt, dass die Bedrohung schwerwiegend ist und der Terrorismus keine Rücksicht auf Landesgrenzen nimmt. Der internationale Terrorismus gilt nun als übergreifendes Problem mit zahlreichen Erscheinungsformen, während er früher eher als eine Reihe unterschiedlicher nationaler Phänomene betrachtet wurde, so dass die Unterschiede zwischen den einzelnen Terrorgruppen hervorgehoben wurden. Die frühere Haltung ließ wichtige Zusammenhänge unberücksichtigt und unterschätzte folglich den Wert einer breit angelegten Zusammenarbeit zwischen den Regierungen.

Die Bedrohung durch den internationalen Terrorismus unterscheidet sich grundlegend von der Bedrohung durch die Sowjetunion und den Warschauer Pakt, zu deren Abwehr die NATO konzipiert wurde. Diese neue Bedrohung besteht in erster Linie aus der Al Qaida und mit ihr verbundenen Gruppierungen, die ein Netz von Anhängern des Dschihad mit dem gemeinsamen Ziel bilden, im Nahen Osten und in der Golfregion auf der Grundlage strenger islamischer Prinzipien eine neue Ordnung herbeizuführen. Sie hoffen, der Präsenz des Westens in dieser Region ebenso ein Ende zu setzen wie der westlichen Unterstützung von Regimen in diesem Gebiet.

Diese neue Art des Terrorismus, der sich von den eher traditionellen nationalistischen Terrorgruppen unterscheidet, wird schwieriger zu besiegen sein als die politischen und nationalistischen Terrorgruppen, die ab den 60er Jahren bis zum Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts im Vordergrund standen. Islamische Extremisten haben einen globaleren Ansatz und ein destruktiveres Potential, sie sind anpassungsfähiger und stützen sich auf breite Kreise der Bevölkerung. Die Bedrohung verändert sich ständig in dem Maße, wie die Staaten Maßnahmen zur Bekämpfung der Gefahren konzipieren und die Terroristen ihre Operationsmethoden dann selbst entsprechend modifizieren.

Die Rolle der NATO

Um das Potential der NATO besser zu verstehen und realistische Erwartungen bezüglich dieser Organisation zu erarbeiten, sollten wir in struktureller und funktionaler Hinsicht prüfen, welche Rolle der NATO im breit angelegten Kampf gegen den Terrorismus zukommt.

Die strukturelle Ebene

Die Rolle der NATO liegt logischerweise zwischen den äußerst umfassenden Bemühungen, die unter der Ägide der Vereinten Nationen zur Bekämpfung des Terrorismus unternommen werden, und den eher begrenzten Ansätzen von Einzelstaaten. Eine Verknüpfung aller drei Ebenen - der nationalen, der regionalen und der globalen - ist erforderlich, damit man sowohl die Symptome als auch die Krankheit an sich bekämpfen kann. In ihrer Gesamtheit stellen diese Ebenen wohl die wirksamste Antiterrorstrategie dar, die derzeit möglich ist.

Die Verantwortung für die Bekämpfung des Terrorismus liegt in erster Linie bei den einzelnen Staaten, denn der Terrorismus ist letztlich ein ortsgebundenes Phänomen, und aus einer Vielzahl von Gründen wird ein Großteil der zwischenstaatlichen Zusammenarbeit -hauptsächlich zwischen Justizvollzugsbehörden und Nachrichtendiensten - notwendigerweise bilateraler Art sein. Trotzdem übernehmen die NATO, die G 8 (die Gruppe der sieben bedeutendsten Industriestaaten und Russlands), die Europäische Union, die Vereinten Nationen und andere Organisationen bei der Unterstützung einzelstaatlicher Bemühungen eine wichtige koordinierende und integrierende Funktion. Der Schlüssel liegt hier darin, diese Bemühungen aufeinander abzustimmen und unnötige Doppelarbeit zu vermeiden.

Die funktionale Ebene

Für die NATO hat die Bekämpfung des Terrorismus hohe Priorität, und im Hinblick auf den Charakter des Problems und die geeigneten Gegenmaßnahmen ist auch ein Konsens erzielt worden. Wegen dieser Bemühungen des Bündnisses und ähnlicher Bemühungen anderer Organisationen wird nicht mehr akzeptiert, dass ein Staat Terroristen, die manchmal als "Freiheitskämpfer" entschuldigt werden, eine Art Zufluchtsstätte bietet, damit sie das Hoheitsgebiet dieses Staates verschonen.

In der Antiterrorstrategie der NATO wird anerkannt, dass die Verantwortung in erster Linie bei den einzelnen Mitgliedstaaten liegt. Das Bündnis verfolgt das Ziel, den Mitgliedstaaten dabei zu helfen, wann und wo immer dies erforderlich ist, vom Ausland ausgehende terroristische Gefahren durch Abschreckung abzuwehren und sich dagegen zu verteidigen sowie Terroristen Hindernisse in den Weg zu stellen und sich vor ihnen zu schützen. Die grundlegende Strategie, die im militärischen Konzept der NATO für die Terrorismusabwehr vom November 2002 dargelegt wird, enthält vier Elemente: defensive Antiterrormaßnahmen zur Verringerung der Verwundbarkeit von Streitkräften, Personen und Sachen; Bewältigung von Folgen, einschließlich Maßnahmen zur Schadensbegrenzung; offensive Antiterrormaßnahmen, bei denen die NATO entweder eine führende oder eine unterstützende Rolle spielt, einschließlich Operationen auf psychologischer Ebene und im Informationsbereich; militärische Zusammenarbeit mit NATO-Mitgliedern, Partnerstaaten und anderen Ländern sowie Abstimmung mit internationalen Organisationen wie der Europäischen Union, der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa und den Vereinten Nationen.

Obwohl die politische Führung der NATO darauf hinweist, dass es besser ist, Terrorakte durch Abschreckung oder vorbeugende Maßnahmen zu verhindern, als sich hinterher mit den Folgen auseinander zu setzen, gibt es keine ständig geltenden Bestimmungen für präventive Operationen des Bündnisses. Daher erfordert jedes direkte Vorgehen des Bündnisses gegen Terroristen bzw. gegen diejenigen, die ihnen Zuflucht gewähren, die vorherige Genehmigung aller Mitgliedstaaten. Folglich ist die NATO am besten für Aufgaben geeignet, die ein abgestimmtes Vorgehen über einen längeren Zeitraum erfordern, wie z.B. vorbeugende Maßnahmen, die Bewältigung von Folgen, Stabilisierungsoperationen, die Überwachung des Luftraums und der Meeresstraßen und die Stärkung einzelstaatlicher Fähigkeiten, insbesondere bei schwächeren Staaten.

Die NATO verfügt über ein bewährtes Netz von Strukturen zur Erleichterung der Zusammenarbeit. Bei SHAPE (Oberstes Hauptquartier der Alliierten Mächte Europa) kommen beispielsweise in der Partnerschaftskoordinierungszelle der NATO die militärischen Vertreter von 43 Staaten zusammen, wodurch das Bündnis geographisch einen größeren Bereich umfasst als jede andere militärische Organisation der Welt. Der NATO-Russland-Rat und die NATO-Ukraine-Kommission sind ebenfalls wichtige Foren für die Zusammenarbeit im Bereich der Antiterrormaßnahmen.

Die NATO spielt eine führende Rolle bei der Erarbeitung von Strategien, Doktrinen und Ausbildungsprogrammen für die Bekämpfung des Terrorismus in Fällen, in denen möglicherweise Streitkräfte erforderlich sind. Von besonderer Bedeutung ist das NATO-Übungsprogramm, das die Entwicklung und Erprobung von integrierten zivil-militärischen Operationen zur Bekämpfung eines breiten Spektrums potentieller Terroranschläge ermöglicht. Auf dem Istanbuler Gipfel gaben die Staats- und Regierungschefs der NATO-Mitglieder zudem die Einzelheiten eines acht Punkte umfassenden Forschungs- und Technologieprogramms zur Bekämpfung des Terrorismus bekannt, darunter Maßnahmen gegen die Bedrohung durch selbstgebastelte Bomben und zur Verbesserung des Schutzes von Flugzeugen und Hubschraubern.

Die NATO spielt auch als Frühwarnmechanismus eine wichtige Rolle. Im Rahmen der Operation Active Endeavour wird z.B. die Schifffahrt auf dem Mittelmeer überwacht, und die NATO verfügt zudem über einzigartige Fähigkeiten bei Frühwarnsystemen für Flugzeuge und Raketen.

Das Bündnis ist dafür bekannt, dass es die Interoperabilität multinationaler Streitkräfte erhöht, und es kann diese Sachkompetenz in diejenigen Antiterrormaßnahmen einbringen, bei denen militärische und zivile Organisationen eng zusammenarbeiten müssen. Mit Englisch als gemeinsamer Sprache und unter Einsatz umfassender ständig geltender Einsatzregeln der NATO entwickeln nun mehr als 50 Staaten die Fähigkeit zur Zusammenarbeit.

Im Hinblick auf die Bewältigung der Konsequenzen eines Terroranschlags stellt die Euro-Atlantische Koordinierungszentrale für Katastrophenhilfe ein einzigartiges Dispositiv dar. Die Zentrale führt ein bündnisweites Register aller Fähigkeiten, die im Rahmen der Katastrophenhilfe erforderlich werden könnten. Sie verfügt über ein Streitkräfteaufwuchsverfahren, das Einheiten der Bereiche Fernmeldewesen, Transport und Logistik wie auch Überwachung und Hilfsmaßnahmen umfasst. Dieses Dispositiv wird regelmäßig erprobt, wodurch man viel Erfahrung mit Maßnahmen der Katastrophenhilfe sammelt. In jedem der 46 Teilnehmerstaaten arbeitet die Zentrale direkt mit einer ihr angeschlossenen Dienststelle zusammen, und sie braucht nicht auf die Zustimmung des Nordatlantikrats zu warten, bevor sie aktiv wird.

Die Unterstützung der NATO für Griechenland während der Olympiade und der Behindertenolympiade ist ein Beispiel für die Art der vorbeugenden Aufgaben, für die das Bündnis gut geeignet ist. In diesem Fall stellte die NATO AWACS-Flugzeuge zur Verfügung, führte Marinepatrouillen durch und verstärkte die Fähigkeiten Griechenlands bei der Abwehr von ABC-Waffen und von radiologischen Waffen.

Afghanistan ist für die NATO im Hinblick auf die Bewältigung der Gefahren, die vom Terrorismus und dem neuen internationalen Sicherheitsumfeld ausgehen, ein wichtiger Prüfstand. Die ISAF (International Security Assistance Force) übernimmt einen immer größeren Teil der Verantwortung für die Operationen in Afghanistan. Der erste Schritt eines "abgestuften Prozesses" besteht in der Ausweitung des ISAF-Mandats, so dass die ISAF ein sicheres Umfeld auch außerhalb Kabuls und seiner Umgebung gewährleisten kann. Dazu zählen u.a. die Errichtung weiterer PRT (Provincial Reconstruction Teams) in Afghanistan und die Hilfe bei der Entwaffnung der Streitkräfte und örtlichen Milizen der "Kriegsherren".

Ferner vereinbarten die Staats- und Regierungschefs der NATO-Mitglieder auf dem Istanbuler Gipfel, den Austausch nachrichtendienstlicher Erkenntnisse durch die Errichtung einer Antiterror-Aufklärungseinheit in der Brüsseler NATO-Zentrale zu verbessern. Diese Einheit, die nach den Terroranschlägen auf die Vereinigten Staaten vom 11. September 2001 eingesetzt wurde, ist nun eine ständige Einrichtung, die allgemeine terroristische Gefahren wie auch Gefahren analysiert, die sich speziell gegen die NATO richten.

Nutzung des Potentials der NATO

Die praktische Nutzung des NATO-Potentials auf dem Gebiet der Terrorismusbekämpfung wird noch zahlreiche weitere Anstrengungen erfordern, insbesondere seitens der politischen Führung. Auch wenn die führenden Politiker auf beiden Seiten des Atlantiks in der Ansicht übereinstimmen, dass ein Erfolg der weltweiten Bemühungen im Kampf gegen den Terrorismus einen breit gefächerten Ansatz voraussetzt, der sich auf die jeweiligen Stärken und einzigartigen Vorzüge zahlreicher internationaler Organisationen stützt, macht man sich die NATO weiterhin in zu geringem Umfang zunutze. Unter den Initiativen, mit denen man die Fähigkeiten der NATO besser nutzen würde, verdienen folgende besondere Beachtung:

Die NATO sollte einen neuen Beigeordneten Generalsekretär mit Zuständigkeit für die Koordinierung der Antiterrormaßnahmen des Bündnisses ernennen. Dabei sollte es sich um eine hauptberufliche Tätigkeit und nicht um eine Nebenbeschäftigung handeln, und der jeweilige Amtsinhaber sollte für das gesamte Spektrum der NATO-Aktivitäten in diesem Bereich zuständig sein, einschließlich der Abstimmung mit der Europäischen Union, mit den Vereinten Nationen und mit anderen internationalen Organisationen. Eine unnötige Überschneidung der Arbeitsbereiche, insbesondere im Hinblick auf die Europäische Union, gibt Anlass zu großer Besorgnis, und es scheint angemessen zu sein, dass die NATO einen hochrangigen Amtskollegen für Gijs de Vries findet, den Koordinator der Antiterrormaßnahmen der Europäischen Union.

Die NATO-Reaktionskräfte (NRF) sollten umfangreiche Funktionen und Aufgaben auf dem Gebiet der Terrorismusabwehr erhalten. Dadurch ließe sich auch besser eine breitere Grundlage nationaler Fähigkeiten entwickeln, als man sie sonst im Bündnis erreichen könnte. Derartige Aufgaben würden voraussetzen, dass die NRF unter manchen Umständen ihre Reaktionszeit auf weniger als 5 Tage senken (vor allem im Hinblick auf den Einsatz von Sondereinheiten und bei Luftangriffen). Zudem hätte dies günstige Auswirkungen auf die Beschleunigung des Beschlussfassungsverfahrens des Nordatlantikrats.

Wegen der Schwierigkeiten beim Übergang von Kampfoperationen zu Stabilisierungsoperationen sollte als Ergänzung zu den NRF die Bildung einer NATO-Stabilisierungstruppe in Erwägung gezogen werden. Stabilisierungsmissionen sind zu einem zentralen Bestandteil der NATO-Aufgaben geworden, und dies sollte auch in der Streitkräftestruktur des Bündnisses zum Ausdruck kommen. Die NATO-Truppen in Afghanistan und auf dem Balkan werden weiterhin mit zahlreichen Terrordrohungen konfrontiert sein. Die Lehren aus der Arbeit in diesen beiden Regionen müssen in die Bündnisplanung einbezogen und auf künftige Operationen unter der Leitung der NATO angewendet werden.

Bei der Umsetzung des militärischen Konzepts der NATO für die Terrorismusabwehr sollte das Bündnis den Teilnehmerstaaten der Partnerschaft für den Frieden einen hohen Stellenwert einräumen, denn sie zählen zu den Staaten, die am wenigsten auf Terrorismusgefahren vorbereitet sind, und erhöht man ihre Antiterrorfähigkeiten, so wird dies auch der Sicherheit der NATO-Mitglieder zugute kommen. Im militärischen Konzept für die Terrorismusabwehr sind die traditionellen Rollen vertauscht, so dass die NATO die Bündnismitglieder und die Partnerstaaten unterstützt, während diese die Hauptverantwortung für die Bekämpfung des Terrorismus tragen. Dies bedeutet, dass ein Großteil der Bemühungen des Bündnisses mit Blick auf den Partnerschafts-Aktionsplan gegen den Terrorismus organisiert werden sollte.

Die NATO sollte ein Forschungsinstitut für die Terrorismusabwehr einrichten, um die Forschung und Analyse in diesem Bereich zu fördern. In einem derartigen Institut könnte man die besten Fachleute zusammenführen und sich auf die unterschiedlichen Erfahrungen und Fachkenntnisse von Experten aus allen Staaten der NATO stützen. Diese Fachleute könnten eine wichtige Rolle bei der Erarbeitung und Verbreitung besserer Analysen der sich schnell verändernden Bedrohung spielen und zugleich die häufigen Anpassungsmaßnahmen erleichtern, die im Hinblick auf die Denk- und Vorgehensweise erforderlich sind, wenn man dem Problem wirksamer entgegentreten will. Die Bekämpfung des internationalen Terrorismus wird eine langwierige Angelegenheit sein. Dies erfordert eine Gruppe von Forschern, die in der Lage sind, die Stärken und Schwächen sowie die Denkweise und die Attraktivität terroristischer Vereinigungen zu verstehen und daher wirklich aufschlussreiche Gutachten zu erarbeiten. Der Austausch von Verschlusssachen oder operativen nachrichtendienstlichen Erkenntnissen ist dagegen nicht erforderlich.

Die NATO könnte auch in dem Sinne von Nutzen sein, dass sie die Entwicklung neuer Technologien fördert. Das Alliierte Kommando für Fragen der Umgestaltung spielt z.B. eine wichtige Rolle bei der Förderung der Zusammenarbeit im Bereich der Rüstungsindustrie und könnte dazu beitragen, dass neue Antiterrorsysteme von vornherein im Hinblick auf Interoperabilität ausgelegt werden.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Bedrohung durch den internationalen Terrorismus wegen ihrer äußerst raschen Veränderlichkeit häufige Anpassungsmaßnahmen bezüglich der Denk- und Vorgehensweise von Staaten und Institutionen erfordert. Während des Kalten Krieges hat die NATO diesen hohen Grad an Anpassungsfähigkeit unter Beweis gestellt, indem sie ihre Strategien kontinuierlich weiterentwickelte, wenn auch nicht ohne erhebliche Meinungsverschiedenheiten. In dem heutigen neuen geopolitischen Umfeld steht das Bündnis vor einer ähnlichen Herausforderung, wenn es auf den Konsens hinarbeitet, der erforderlich ist, damit es einen möglichst wirksamen Beitrag zum Kampf gegen den internationalen Terrorismus leisten kann.

C. Richard Nelson leitet die Abteilung Programmentwicklung der Atlantischen Gesellschaft der Vereinigten Staaten (ACUS). Der vorliegende Beitrag stützt sich auf die kürzlich erschienene ACUS-Publikation "NATO's Role in Confronting International Terrorism", der über die ACUS-Website abrufbar ist: http://www.acus.org.