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Militärisches
Was kommt nach Prag?

Einsatzbereit: Die Staaten Mittel- und Osteuropas haben
ihre Beiträge zu internationalen Friedensoperationen erhöht.
(© SFOR)

Andrew Cottey, Timothy Edmunds und Anthony Forster analysieren die Streitkräftereformen in Mittel- und Osteuropa sowie die Fähigkeiten potentieller NATO-Mitglieder.

In den nächsten Jahren treten der NATO und der Europäischen Union möglicherweise bis zu zehn neue Mitglieder aus Mittel- und Osteuropa bei. In weiten Kreisen hält man es für wahrscheinlich, dass Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Rumänien, die Slowakische Republik und Slowenien schon auf dem Prager Gipfel zum NATO-Beitritt eingeladen werden. Gemeinsam mit Polen, der Tschechischen Republik und Ungarn, die 1999 Bündnismitglieder wurden, sind dies auch diejenigen Staaten der Region, die derzeit Verhandlungen über eine Mitgliedschaft in der EU führen. Die Aufnahme zehn neuer Mitglieder aus Mittel- und Osteuropa wird der jetzigen Debatte über die Verteidigungsfähigkeit und die Lastenteilung innerhalb der NATO sowie der sich herausbildenden Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU eine wichtige neue Dimension verleihen. Eine Frage, mit der man sich noch nicht ausreichend befasst hat, besteht jedoch darin, welchen militärischen Beitrag die neuen Mitglieder zur NATO und zur EU leisten können und sollten und in welchem Verhältnis ihre nationalen militärischen Reformprogramme zu den umfassenden kollektiven Bemühungen der NATO und der EU um die Modernisierung der Streitkräfte stehen.

Wenn alle diese Staaten auf dem bevorstehenden Prager Gipfel zum NATO-Beitritt eingeladen werden, wird die Gesamtbevölkerung des Bündnisses seit 1999 von 735 Millionen auf 839 Millionen angestiegen sein - eine Zunahme von 104 Millionen oder etwa 14 % (s. die Tabelle mit Angaben für das Jahr 2000, das letzte Jahr, für das genaue vergleichende Zahlen vorliegen). Die aktiven Streitkräfte der NATO werden dann um einen ähnlichen Prozentsatz zugenommen haben, nämlich von 3 448 590 auf 3 986 045 (etwa 16 %). Der Umfang der Reservekräfte wird sich jedoch deutlich stärker erhöht haben, da die mittel- und osteuropäischen Staaten die "alten" NATO-Reservekräfte (3 774 000) um zusätzliche 1 714 700 Mann erweitern, was einem Anstieg von 45 % entspricht. Im Gegensatz dazu betrug das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der mittel- und osteuropäischen Staaten im Jahr 2000 nur 372 Mrd. Dollar, so dass das BIP des Bündnisses insgesamt um lediglich 2 % ansteigen wird, da die früheren NATO-Mitglieder ein BIP von 18 074 Mrd. Dollar aufweisen.

Die Zahlen für die Verteidigungsausgaben fallen ähnlich aus. Im Jahr 2000 betrugen die Verteidigungsausgaben der alten NATO-Staaten 460 Mrd. Dollar, während sich die der mittel- und osteuropäischen Staaten nur auf 7 Mrd. Dollar beliefen. Ihr NATO-Beitritt wird daher zu einem Anstieg der Gesamtverteidigungsausgaben des Bündnisses von lediglich 1,5 % führen. Diese Zahlen spiegeln die harte Realität wider. Obwohl der Gesamtumfang der Streitkräfte der NATO-Mitgliedstaaten infolge der Erweiterung erheblich zunehmen wird, sind die neuen Mitglieder im Vergleich zu den alten Mitgliedern relativ arm, und die Ressourcen, die sie tatsächlich für den Verteidigungsbereich bereitstellen können, sind sehr viel begrenzter.

Vergleiche zwischen einzelnen Staaten


Mitglieder und Beitrittskandidaten der NATO
und der EU: Verteidigungsausgaben und Streitkräfte
Mit Vergleichen zwischen einzelnen Mitgliedstaaten lässt sich dieser Sachverhalt noch besser verdeutlichen. Spanien hat eine Einwohnerzahl von fast 40 Millionen und ein BIP von 568 Mrd. Dollar. Durch die Bereitstellung von 1,27 % seines BIPs für den Verteidigungssektor kann es einen Verteidigungshaushalt in Höhe von 7,2 Mrd. Dollar aufstellen, der in der Regel einen Umfang der aktiven Streitkräfte von 143 450 Mann gewährleistet. Polen hat eine ähnliche Einwohnerzahl (fast 39 Mill.), aber ein erheblich geringeres BIP (160 Mrd. Dollar). Obwohl es einen viel höheren Anteil (2,06 %) seines BIPs für die Verteidigung bereitstellt, beträgt der Verteidigungsetat von 3,3 Mrd. Dollar weniger als die Hälfte des spanischen Verteidigungshaushalts. Zudem finanziert es mit diesem Etat umfangreichere Streitkräfte, denn die Zahl der aktiven Streitkräfte beträgt 206 045. Ebenso haben die Niederlande eine Bevölkerung von nahezu 16 Mill. und ein BIP von 347 Mrd. Dollar. Durch die Bereitstellung von 1,87 % des BIPs für den militärischen Sektor erhalten sie einen Verteidigungshaushalt in Höhe von 6,5 Mrd., mit dem sie einen Umfang der aktiven Streitkräfte von 50 430 Mann gewährleisten. Im Gegensatz dazu verfügt Rumänien bei einer Einwohnerzahl von mehr als 22 Millionen über ein BIP von nur 38,4 Mrd. Dollar. Auch wenn es 2,45 % seines BIPs für die Verteidigung zur Verfügung stellt, bleibt der Verteidigungsetat knapp unter 1 Mrd. Dollar und finanziert einen Umfang der aktiven Streitkräfte von 103 000 Mann.

Eine weitere Möglichkeit, neue und alte NATO-Mitglieder miteinander zu vergleichen, besteht in einer Untersuchung ihrer Beiträge zu internationalen Friedensoperationen, einschließlich der unter der Leitung der NATO durchgeführten Operationen in Bosnien und Herzegowina, im Kosovo und in der ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien*, aber auch anderer Missionen unter der Leitung der Vereinten Nationen oder in deren Auftrag. Im Jahr 2000 stellten die alten NATO-Staaten 63 293 Mann für Friedensoperationen zur Verfügung, während die mittel- und osteuropäischen Staaten 4 294 Mann bereitstellten. Die neuen Mitgliedstaaten würden somit die Friedenstruppen der NATO-Mitglieder um 7 % verstärken - ein beachtlicher Beitrag, der jedoch wiederum geringer ausfällt, als es ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung des erweiterten Bündnisses entsprechen würde. Auch dies lässt sich durch Vergleiche zwischen einzelnen Staaten noch verdeutlichen. Belgien stellt bei einer Einwohnerzahl von 10 Mill. nahezu 1 500 Mann für Friedensoperationen zur Verfügung. Die Tschechische Republik mit einer ähnlichen Einwohnerzahl stellt dagegen nur knapp 700 Soldaten bereit. Lettland hat eine Einwohnerzahl von 2,3 Mill. und stellt ein Kontingent von etwas mehr als 100 Soldaten für Friedensoperationen zur Verfügung, während Norwegen bei einer Einwohnerzahl von 4,5 Mill. mehr als 1 100 Soldaten zu Friedensoperationen entsendet.

Seit Anfang der 90er Jahre sehen sich die mittel- und osteuropäischen Staaten im Verteidigungsbereich bedeutenden Reformaufgaben gegenüber. Nach dem Ende des Kommunismus übernahmen Bulgarien, Polen, Rumänien, die Slowakische Republik, die Tschechische Republik und Ungarn als Erblast Streitkräfte nach sowjetischem Muster, deren Aufbau auf Operationen des Warschauer Paktes ausgerichtet war. Man war sich allgemein darüber im Klaren, dass die Streitkräfte dieser Staaten für die neue internationale Lage zu umfangreich waren und dass die hohen Verteidigungsausgaben ihre angeschlagene Volkswirtschaft zu sehr belasteten.

Anfang bis Mitte der 90er Jahre wurden bei den Verteidigungsausgaben bedeutende Einschnitte vorgenommen, so dass sie im Allgemeinen nur halb so hoch waren wie Ende der 80er Jahre während ihres Höchststands im Kalten Krieg. Darüber hinaus wurde der Umfang der Streitkräfte erheblich reduziert, die Streitkräfte erhielten eine Neuausrichtung und Aufgaben, die sich von ihrer Rolle im Warschauer Pakt unterschieden, die meisten Beschaffungsprogramme wurden eingestellt, und das Ausbildungsniveau wurde gesenkt. Die baltischen Staaten und Slowenien standen dagegen nach der Erlangung ihrer Unabhängigkeit vor einer völlig anderen Herausforderung: Sie mussten ihre nationalen Streitkräfte von Grund auf neu aufbauen (auch wenn man sich im Fall Sloweniens auf Heimatschutztruppen stützen konnte, die zusammengestellt worden waren, als das Land noch zum ehemaligen Jugoslawien gehörte). Diese Staaten konzentrierten sich zunächst darauf, leicht bewaffnete Heimatschutzkräfte aufzustellen.

Reform des Verteidigungssektors

Seit der Mitte der 90er Jahre haben die mittel- und osteuropäischen Staaten - mit Unterstützung und Ermutigung seitens der NATO - weitere Reformen des Verteidigungssektors durchgeführt. Dabei lag der Schwerpunkt im Allgemeinen auf einem weiteren Abbau des Gesamtumfangs der Streitkräfte und dem Aufbau von Streitkräften, die einen Beitrag zu Friedensoperationen leisten konnten. Der Rückgang der Verteidigungsausgaben erreichte Mitte der 90er Jahre seine Talsohle. Seither haben die meisten mittel- und osteuropäischen Staaten ihre Verteidigungsetats geringfügig erhöht. Die Aussicht auf die NATO-Mitgliedschaft hat entscheidend zu dem politischen Druck beigetragen, durch den weitere Verteidigungsreformen, Beiträge zu den Balkanoperationen unter der Führung der NATO sowie Erhöhungen der Verteidigungsausgaben möglich wurden. Zudem haben das PfP-Programm des Bündnisses, sein Planungs- und Überprüfungsprozess und der Aktionsplan zur Mitgliedschaft einen institutionellen Rahmen für die eingehende Analyse von Fragen der Streitkräftereform geschaffen. Wie aus der Tabelle hervorgeht, geben die mittel- und osteuropäischen Staaten nun durchschnittlich 1,81 % ihres BIPs für den Verteidigungsbereich aus - weniger als der Durchschnitt der alten NATO-Mitglieder von 2,21 %, aber im Großen und Ganzen mit dem EU-Durchschnitt von 1,85 % vergleichbar.

Diese Entwicklungen hatten zahlreiche Folgen. Das positivste Ergebnis besteht darin, dass die mittel- und osteuropäischen Staaten ihre Beiträge zu internationalen Friedensoperationen erhöht haben, insbesondere zu den Balkanoperationen unter der Führung der NATO. Mittel- und osteuropäische Truppen, die an diesen Operationen beteiligt waren, haben sich im Allgemeinen sehr bewährt und übernehmen allmählich anspruchsvollere Aufgaben. Die Teilnahme an diesen Operationen hat zur Professionalisierung der beteiligten Einheiten beigetragen. Sie kann auch eher allgemein einen positiven Effekt auf die Streitkräfte der beteiligten Staaten haben, da die Soldaten jeweils nach dem Rotationsprinzip abgelöst werden.

Seit Anfang der 90er Jahre sehen sich die mittel- und osteuropäischen Staaten im Verteidigungsbereich bedeutenden Reformaufgaben gegenüber.
Manche Kritiker haben jedoch angeführt, dass die mittel- und osteuropäischen Staaten in zunehmendem Maße eine "Zwei-Klassen"-Armee aufbauen, die sich in Eliteeinheiten (die zu gemeinsamen Operationen mit der NATO in der Lage sind) und die Masse der Wehrpflichtigen (deren operative Leistungsstärke abnimmt) einteilen lässt. Die Kürzungen der Verteidigungshaushalte und die Vorrangstellung der Elitetruppen haben im Hinblick auf die Mehrheit der Streitkräfte sogar häufig zu einem deutlichen Rückgang der Ausgaben für die Bereiche Instandhaltung, Betrieb und Ausbildung geführt. Im Jahr 2000 räumte z.B. der rumänische Generalstabschef Mihail Popescu ein, dass 70 % der Piloten der rumänischen Luftwaffe aufgrund unzureichender Flugstunden nicht einsatzfähig seien. Ebenso fliegen ungarische Piloten - weitgehend wegen finanzieller Beschränkungen - im Durchschnitt nur zwischen 50 und 75 Stunden jährlich. Dies wäre dann mit der Ansicht der amerikanischen Luftwaffe zu vergleichen, dass 100 Flugstunden jährlich eine gefährlich geringe Übungsdauer darstellen. Im Fall Ungarns scheint sich die Lage wohl auf absehbare Zeit nicht zu ändern, außer im Hinblick auf die 30 MiG-29-Piloten, die für NATO-Missionen zur Verfügung gestellt werden.

Die Staaten Mittel- und Osteuropas stehen bezüglich der Streitkräftereform vor anhaltenden ernsten Problemen. Wenn sie der NATO beitreten, werden ihre nationalen Verteidigungsprobleme zunehmend Teil der umfassenderen Problematik werden, mit der das Bündnis insgesamt bezüglich seiner Verteidigungsfähigkeit und der Lastenteilung konfrontiert ist. Die relative Armut der mittel- und osteuropäischen Staaten und ihre zahlreichen anderen sozialen und wirtschaftlichen Probleme bedeuten, dass die für ihre Streitkräfte tatsächlich verfügbaren Ressourcen trotz möglicher Erhöhungen der Verteidigungsetats weiterhin begrenzt sein werden. Auch wenn der Kampf der Vereinigten Staaten gegen den Terrorismus allgemeine politische Unterstützung findet, lässt das Fehlen direkter und unmittelbarer Gefahren für die mittel- und osteuropäischen Staaten vermuten, dass drastischere Erhöhungen der Verteidigungsausgaben vorerst unwahrscheinlich sind. Die Regierungen dieser Staaten stehen vor einer schwierigen Aufgabe: Sie müssen die für die Verteidigung verfügbaren begrenzten Ressourcen damit in Einklang bringen, dass sie sich zur Teilnahme an internationalen Friedensoperationen verpflichtet haben, dass die operative Leistungsstärke des größten Teils ihrer Streitkräfte sinkt und dass einige Wehrbeschaffungsbeschlüsse ausgesetzt worden sind.

Überprüfungen des Verteidigungssektors

Nach ihrem Beitritt zur NATO haben Polen, die Tschechische Republik und Ungarn eine erneute umfassende Überprüfung ihres jeweiligen Verteidigungssektors vorgenommen. Auf deren Grundlage wurden in allen drei Fällen bescheidene Erhöhungen der Verteidigungsausgaben in Verbindung mit einem weiteren Abbau der Streitkräfte und geeigneten Maßnahmen zum Aufbau von Streitkräften empfohlen, die sich anstatt auf Wehrpflichtige weitgehend auf Freiwillige stützen. Hier wird ein möglicher Ansatz für die Reform des Verteidigungssektors deutlich: Abbau der Streitkräfte (sowohl der aktiven Streitkräfte als auch der Reservekräfte) mit dem Ziel, Ressourcen für die Verbesserung der Fähigkeiten und der operativen Leistungsstärke der verbleibenden Streitkräfte freizusetzen. Inwieweit dieser Ansatz den mittel- und osteuropäischen Staaten ermöglicht, ihre Verteidigungsprobleme zu lösen, wird sich noch zeigen. Vielleicht sind drastischere Schritte erforderlich, um die nötigen Ressourcen für eine umfassendere Modernisierung der Streitkräfte zu mobilisieren.

In einem Sicherheitsumfeld, in dem die Gefahr einer Invasion mit Bodentruppen als unwahrscheinlich erscheint, ist es für die mittel- und osteuropäischen Staaten sinnvoll, mehr Ausrüstung, wie z.B. Panzer und Schützenpanzer, längerfristig zu lagern und die damit verbundenen Einheiten aufzulösen, anstatt sich zu bemühen, solche Streitkräfte bei niedrigem Bereitschaftsgrad beizubehalten. Zudem verfügen alle mittel- und osteuropäischen Staaten im Vergleich zu den alten NATO-Mitgliedern nach wie vor über sehr umfangreiche Reservekräfte. Da die Dauer der Wehrpflicht (häufig auf weniger als ein Jahr) verkürzt wird, die Zahl derjenigen, die den Wehrdienst aus Gewissensgründen verweigern oder sich ihm unrechtmäßig entziehen, recht hoch ist und die Dauer sowie die Häufigkeit von Reserveübungen ebenfalls abnimmt, ist die militärische Leistungsstärke auch dieser Reservekräfte allerdings in Frage zu stellen. Folglich könnten Einsparungen auch in diesem Bereich ratsam sein.

Unter der Annahme, dass man vor der Gefahr einer eventuellen Invasion mit Bodentruppen einige Jahre vorher gewarnt wäre, würde diese Strategie mit einem weitaus längerfristigen Mobilmachungskonzept einhergehen, das sich auf die Fähigkeit stützen würde, Ausrüstung aus Lagerbeständen herauszunehmen und neues Personal auszubilden, anstatt einfach vorhandene Reservekräfte zu mobilisieren.

Die Staaten Mittel- und Osteuropas stehen auch vor wichtigen Beschaffungsbeschlüssen. Da sie Ausrüstung aus der Zeit der Sowjetunion übernommen und in den 90er Jahren bedeutende Beschaffungsmaßnahmen ausgesetzt haben, ist dies nun ein drängendes Problem. In Polen, in der Tschechischen Republik und in Ungarn werden kontroverse Debatten darüber geführt, ob neue Kampfflugzeuge beschafft werden sollen, welche gekauft werden sollen und wie viele. Der Erwerb von Großgerät wie von Kampfflugzeugen und Angriffshubschraubern wird wahrscheinlich einen Großteil der mittel- und osteuropäischen Verteidigungsetats verschlingen, selbst wenn er vom Westen unterstützt und subventioniert wird. 1999 machte Rumänien beispielsweise seinen Beschluss rückgängig, amerikanische Angriffshubschrauber (Bell 96 Cobra AH-1) zu beschaffen, nachdem in weiten Kreisen kritisiert worden war, dass die Anschaffung eine weitgehend symbolische Geste sei, die man nicht richtig nutzen und im begrenzten Rahmen des Verteidigungshaushalts dieses Landes auch nicht finanzieren können würde. Auch die Tschechische Republik ist aufgrund der diesjährigen Überschwemmungskatastrophe in Mitteleuropa dazu gezwungen, ihre Pläne zum Erwerb von 24 Gripen-Kampfflugzeugen zu verschieben und möglicherweise ganz aufzugeben. Darüber hinaus bedeutet die relativ geringe Größe der mittel- und osteuropäischen Staaten, dass sie wahrscheinlich als Einzelstaaten nur eine geringe Zahl kostspieliger Rüstungsgüter wie Kampfflugzeuge beschaffen werden, während sie einen Großteil der für deren Instandhaltung erforderlichen Infrastruktur doppelt und dreifach aufbauen.

Debatte

Solche Beschaffungsfragen müssen eingehender erörtert werden. Für viele mittel- und osteuropäische Staaten ist es vielleicht vernünftiger, Ressourcen für die bodengestützte Luftabwehr, für Luftraumüberwachungssysteme und für den Aufbau der Stützpunktinfrastruktur für vorne stationierte Flugzeuge leistungsfähigerer Bündnispartner bereitzustellen. Ein anderer Ansatz könnte darin bestehen, einige wirklich multinationale Kampffliegerstaffeln aufzubauen - vielleicht durch den Zusammenschluss ost- und westeuropäischer Staaten und möglicherweise sogar unter Einbeziehung von Nichtmitgliedern der NATO wie Schweden -, die dann dazu bestimmt wären, die Luftverteidigung aller beteiligten Staaten sicherzustellen. Dadurch würden die Doppelarbeit und die Kosten aufgrund der Beibehaltung getrennter nationaler Streitkräfte verringert, und zugleich würde man den politischen Grundsatz der kollektiven Sicherheit in die militärische Praxis umsetzen. Der erfolgreiche Aufbau des dänisch-deutsch-polnischen Korps macht deutlich, wie gemeinsame Streitkräfte eine Multiplikatorwirkung entfalten und der Sicherheitsgarantie der NATO Substanz verleihen können.

Eine weitere damit zusammenhängende Möglichkeit besteht in der Spezialisierung auf bestimmte Aufgaben: Die verschiedenen Staaten lassen ihre Ressourcen in die Bereiche fließen, in denen sie über besondere Stärken verfügen, und geben zugleich den Versuch auf, bestimmte andere Fähigkeiten beizubehalten. Die tschechischen Streitkräfte sind z.B. Spezialisten für die Abwehr nuklearer, biologischer und chemischer Waffen. Wird dieser Ansatz (wenn auch nur teilweise) verfolgt, so sollte man mehr tun, um auf der Ebene der NATO und der EU gemeinsam zu prüfen, welche Spezialfähigkeiten erforderlich sind, welche Staaten dazu einen Beitrag leisten könnten und inwieweit andere Staaten dann ihre Ressourcen anderen Bereichen zukommen lassen könnten.

Weitere Fortschritte in Richtung auf die gemeinsame Beschaffung, multinationale Streitkräfte und die Spezialisierung auf bestimmte Aufgaben sind jedoch vielleicht nur schwer zu erreichen. Dieser Kurs steht nämlich im Widerspruch zu dem verständlichen Grundsatz, als Schutzgarantie gegen verschiedene Szenarien des schlimmsten Falls das größtmögliche Spektrum an nationalen Verteidigungsfähigkeiten aufrechtzuerhalten. Er wird auch durch die Auseinandersetzung darüber behindert, wie sich die wirtschaftlichen Vorteile aufgrund der Herstellung von Ausrüstung und der Beibehaltung bestimmter Streitkräfte gerecht verteilen lassen; dies zeigen die Streitigkeiten zwischen verschiedenen Partnern westeuropäischer Projekte, wie z.B. des Eurofighter-Projekts. Vor dem Hintergrund der derzeitigen Debatte über unsere Verteidigungsfähigkeiten sind dies Fragen, mit denen sich die NATO und die EU jeweils als Bündnis auseinander setzen müssen. Angesichts der begrenzten Ressourcen der mittel- und osteuropäischen Staaten spricht allerdings viel dafür, den vorstehend skizzierten Kurs einzuschlagen.

Fortschritte

Trotz der genannten Schwierigkeiten haben die Staaten Mittel- und Osteuropas seit Anfang der 90er Jahre bedeutende Fortschritte bei der Reform ihrer Streitkräfte erzielt. Sie haben Mechanismen für eine demokratische, zivile Kontrolle der Streitkräfte geschaffen und leisten nun einen aktiven Beitrag zu den Friedensoperationen auf dem Balkan und in anderen Regionen. Im Laufe von zehn Jahren haben sich die baltischen Staaten von Staaten ohne Streitkräfte zu Teilnehmern an den von der NATO geführten Missionen in Bosnien und Herzegowina sowie im Kosovo entwickelt. Verschiedene Staaten der Region leisten auf bestimmten Spezialgebieten wie ABC-Abwehr und Minenräummaßnahmen bereits bedeutende militärische Beiträge oder haben zumindest das Potential dazu.

Trotzdem stehen die mittel- und osteuropäischen Staaten im Verteidigungssektor auch vor ernsten Problemen. Der Aufbau von Elitetruppen, die zu gemeinsamen Operationen mit den NATO-Staaten in der Lage sind, hat den Rückgang der operativen Leistungsstärke des größten Teils der Streitkräfte dieser Staaten bis zu einem gewissen Grad verdeckt. Luftstreitkräfte, deren Piloten zu wenige Flugstunden haben, um zu Kampfeinsätzen fähig zu sein, und Bodenstreitkräfte, deren Ausrüstung nicht richtig funktioniert, sind weder für die mittel- und osteuropäischen Staaten selbst, noch für die NATO insgesamt von großem Nutzen. Die relative Armut dieser Staaten bedeutet, dass sie ihre realen Verteidigungsausgaben selbst bei bescheidenen Ausweitungen ihrer Verteidigungsetats nicht wesentlich erhöhen können.

Die Regierungen der Staaten Mittel- und Osteuropas und die NATO insgesamt müssen sich dieser Tatsache stellen und gemeinsam nach möglichen Lösungsansätzen suchen. Verbunden sind diese vielleicht mit einem drastischeren Abbau des Gesamtumfangs der Streitkräfte, mit dem Verzicht auf einige sehr prestigeträchtige, aber kostspielige Beschaffungspläne, mit einer Erhöhung der Zahl multinationaler Truppen und Beschaffungsprojekte, mit einer stärkeren Spezialisierung der einzelnen NATO- bzw. EU-Mitgliedstaaten auf bestimmte Aufgaben sowie mit einer Verlagerung unserer Aufmerksamkeit auf die weniger spektakulären Aspekte der Verteidigungspolitik wie Ausbildung, Betrieb und Instandhaltung oder auch Fernmeldeausrüstung. Dies bedeutet, dass man sich sowohl auf nationaler Ebene als auch gemeinsam innerhalb der NATO und der Europäischen Union mit schwierigen und heiklen Fragen auseinander setzen muss. Unterlässt man dies, so wird der militärische Beitrag Mittel- und Osteuropas zur NATO und zur Europäischen Union geringer ausfallen, als er sein könnte bzw. sein sollte, und die Vorteile der Erweiterung würden nicht optimal genutzt.

Andrew Cottey ist Dozent der Universität Cork in Irland. Timothy Edmunds und Anthony Forster sind Forscher bzw. Forschungsdirektor des dem Londoner King's College angegliederten Fachbereichs Verteidigungsstudien an der Gemeinsamen Führungs- und Stabsakademie der britischen Streitkräfte.

  Dieser Artikel stützt sich auf ein Forschungsprojekt mit dem Titel "One Europe or Several?", das vom Rat für Wirtschafts- und Sozialforschung finanziert worden ist. Weitere Informationen sind beim Internet-Ressourcenzentrum für zivil-militärische Beziehungen in Mittel- und Osteuropa erhältlich (http://civil-military.dsd.kcl.ac.uk).

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