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Interview
Cingiz Ajtmatov: Diplomat und Schriftsteller
 

 

Cingiz Ajtmatov ist sowohl Botschafter der Kirgisischen Republik bei der NATO, bei der Europäischen Union und in Belgien als auch der angesehenste Schriftsteller seines Landes. Seine Bücher, darunter Djamila, Abschied von Gülsary, Der weiße Dampfer, Begegnung am Fudschijama und Der Tag zieht den Jahrhundertweg sind in zahlreiche Sprachen übersetzt worden und haben den Beifall von Kritikern in Asien, Europa und Nordamerika gefunden. Er ist mit zahlreichen nationalen und internationalen Literaturpreisen ausgezeichnet worden und zählte in den letzten Jahren der Sowjetunion zu den Beratern Michail Gorbatschows; als die Kirgisische Republik ihre Unabhängigkeit erlangte, trat er in den diplomatischen Dienst seines Landes ein.

 

Welche Auswirkungen hatte der Konflikt in Afghanistan auf die Kirgisische Republik?

Der Konflikt in Afghanistan ist nicht nur ein militärischer Konflikt zwischen zwei Gegnern. Er ist - und das ist noch wichtiger - auch ein Zusammenstoß zwischen zwei verschiedenen Weltanschauungen. Es ist bestimmt wichtig, die militärische Auseinandersetzung zu gewinnen, aber auf längere Sicht müssen wir eine Möglichkeit finden, die beiden entgegengesetzten Weltanschauungen miteinander zu vereinbaren. Die Ereignisse in Afghanistan sind für mein Land wie für andere Staaten der Region eine ungeheuer große Herausforderung. Es ist geradezu so, als wolle das Schicksal uns auf die Probe stellen. Genau zu dem Zeitpunkt, zu dem wir uns nach dem Ende der Sowjetunion um die Förderung von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten, um die Modernisierung unserer Gesellschaft und um die Belebung unserer Wirtschaft bemühen, drohen die Ereignisse direkt nebenan in Afghanistan alles bisher Erreichte wieder zunichte zu machen. Sollte der islamische Fundamentalismus die Oberhand gewinnen, so würde die Uhr um viele Jahrhunderte zurückgestellt. Der religiöse Extremismus und Fundamentalismus, der sich in Afghanistan ausgebreitet hat, hat etwas Barbarisches an sich und ist ein Rückfall in den mittelalterlichen Feudalismus. Mit anderen Worten, wir sind Zeugen eines Kampfes der Kulturen, der unvermeidbar war.

Der Übergang zu einem demokratischen und freiheitlichen System hat in den Staaten Zentralasiens unweigerlich einige wirtschaftliche und politische Härten verursacht. Die reaktionären Kräfte der Region blieben jedoch im Hintergrund, bis sie durch das Chaos in Afghanistan wieder zutage traten. Kirgisistan musste sich auch gegen zwei bewaffnete Überfälle (1999 und 2000) zur Wehr setzen. Das waren gefährliche Augenblicke, aber wir überwanden diese Krisen mit Hilfe Russlands, das in diesem Zusammenhang eine wirklich positive Rolle spielte. Trotzdem sind weiterhin gemeinsame Anstrengungen erforderlich, um diese reaktionären, barbarischen Kräfte einzudämmen und ihnen ein Ende zu bereiten; hier kommt dem Westen und der NATO eine entscheidende Rolle zu.


Wie beurteilt die überwiegend muslimische Bevölkerung der Kirgisischen Republik den Konflikt?


Jeder ist sich darüber im Klaren, dass dem Terror der Taliban ein Ende gesetzt werden musste, und im Allgemeinen versteht man hier, welche Rolle der Westen und die NATO bei der Bekämpfung des Terrorismus und der Herbeiführung von Frieden spielen. Weit verbreitet herrscht die Ansicht, dass Stabilität eine unabdingbare Voraussetzung für die Gewährleistung eines hohen Lebensstandards und für die Förderung der Demokratie sowie der persönlichen Freiheits- und Eigentumsrechte darstellt.

Ich möchte jedoch auf den religiösen Aspekt Ihrer Frage eingehen. Religion kann sich durch ihren Einfluss auf geistige Angelegenheiten sowie auf Moralvorstellungen und Traditionen positiv auf das Leben eines Menschen auswirken. Aber hier stehen wir vor einer Situation, in der Religion der Verfolgung politischer Ziele bzw. der Erlangung politischer Macht dient. Dann handelt es sich nicht mehr um eine Religion, sondern um eine reaktionäre Bewegung.

In dieser Hinsicht sind wir in Kirgisistan in einer glücklichen Lage. Aufgrund geschichtlicher Umstände hat der Islam auf das Bewusstsein unseres Volkes einen geringeren Einfluss gehabt als in anderen zentralasiatischen Staaten, wie z.B. in Tadschikistan und Usbekistan. Kirgisistan und Kasachstan liegen am Rande der islamischen Welt. In unseren Staaten hat Religion eher etwas mit Traditionen und Sitten zu tun, und unsere Völker lassen in der Regel eine gemäßigte Religiosität erkennen, die Fanatismus vermeidet. Das ist eben unsere Art.

Spricht man über Religion, so muss allerdings ein wichtiger Faktor berücksichtigt werden, nämlich dass Armut für den islamischen Fundamentalismus ein fruchtbarer Nährboden sein kann. Afghanistan, ein sehr armes Land, ist hierfür geradezu ein Musterbeispiel. Je ärmer die Leute sind, desto stärkeren Einfluss hat die Religion. Es kommt entscheidend darauf an, dass die internationale Staatengemeinschaft als ersten Schritt in Richtung auf mehr Stabilität die Frage prüft, wie sie die soziale und wirtschaftliche Lage Afghanistans verbessern kann. Hierbei sollte der Ausbildung junger Afghanen und aufklärenden Informationsprogrammen Vorrang eingeräumt werden. Haben junge Afghanen keine andere Wahl, als religiöse Schulen (madrasas) zu besuchen, so wird sich nichts ändern. Daher ist es von entscheidender Bedeutung, Möglichkeiten für eine nichtreligiöse Ausbildung aktiv zu fördern und mit Subventionen zu unterstützen.


Wie haben sich die Beziehungen der Kirgisischen Republik zur NATO in den letzten zehn Jahren entwickelt, und wie werden sie sich möglicherweise in Zukunft entwickeln?


Diese Frage betrifft direkt die Arbeit unserer Botschaft. Kirgisistan gehört nun schon seit vielen Jahren den Partnerschaftsstrukturen der NATO an, und wir sind aktive Teilnehmer der Partnerschaft für den Frieden (PfP). Für diese Zusammenarbeit ist die Zeit jetzt wirklich reif. Sie wird auf vielen verschiedenen Gebieten praktiziert, darunter zivile Notfallplanung, zivil-militärische Beziehungen und Verteidigungspolitik sowie Konsultationen auf politischer und militärischer Ebene. Die PfP bietet ein nützliches Forum für die Zusammenarbeit mit anderen Partnerstaaten, einschließlich zentralasiatischer Länder.

Man hat erhebliche Anstrengungen unternommen, damit unsere Bevölkerung und insbesondere die militärische Führung die NATO und die PfP besser verstehen. Früher wurde die NATO als eine reale Bedrohung angesehen. Aber die Ansichten haben sich im Laufe der Jahre geändert, und alte stereotype Vorstellungen konnten überwunden werden, so dass wir uns nun auf die Entwicklung einer aktiven Zusammenarbeit konzentrieren können. Es ist kein Zufall, dass es die NATO, die im 20. Jahrhundert gegründet wurde, auch noch im 21. Jahrhundert gibt. Unsere Welt ist nämlich keine ideale Welt, sondern eine Welt voller Widersprüche, die mit der Gefahr von Konflikten leben muss. Die NATO wird von den meisten Menschen als eine mächtige Organisation betrachtet, der bei der Abwehr und Eindämmung solcher Gefahren eine zentrale Rolle zukommt, und obwohl sie eine regionale Organisation ist, wird ihr zunehmend globale Bedeutung beigemessen. Die NATO gilt zudem nicht nur als militärische Organisation, sondern auch als Organisation mit einer politischen und humanitären Dimension. Ihre Rolle entwickelt sich in dem Maße weiter, wie sie sich nicht mit Waffen, sondern mit neuen Zukunftsvisionen rüstet. Ich zweifle nicht daran, dass wir unsere Zusammenarbeit hinsichtlich der zur Zeit im Rahmen der PfP behandelten Fragen fortsetzen werden und dass diese Arbeit in dem Maße ausgebaut wird, wie die NATO ihre Bemühungen um eher globale Kooperationsstrukturen weiter vorantreibt.


Auf welche Weise kam die Partnerschaft für den Frieden den kirgisischen Streitkräften zugute?


Seit unserem Beitritt haben unsere Streitkräfte an nahezu allen Übungen teilgenommen, die im Rahmen der PfP stattfanden. Es war für unser militärisches Personal eine positive Erfahrung, selbst zu erleben, welche Art von Zusammenarbeit zwischen der NATO und ihren Partnerstaaten entwickelt werden kann. Am wichtigsten war jedoch die Erkenntnis, dass die kirgisischen Streitkräfte geographisch gesehen nicht zu weit entfernt sind, um einen Beitrag zur gemeinsamen Sicherheit zu leisten. Unsere Streitkräfte würden gern mehr tun und versuchen, die unter NATO-Staaten allgemein akzeptierten Standards zu erreichen. Leider fehlen uns einige der Ressourcen, die zur Stärkung unserer Streitkräfte und für den Erwerb neuer Technologien erforderlich sind. Wir versuchen allerdings, den Anteil der Berufssoldaten zu erhöhen und so dafür zu sorgen, dass sich unsere Armee nicht mehr ausschließlich aus Wehrpflichtigen zusammensetzt. Dies war für uns eine wichtige Entwicklung. Die Teilnahme an der PfP hat dazu beigetragen, dass unsere Streitkräfte ein besseres und realistischeres Bild von der NATO gewannen.


Welche Rolle sollte Ihrer Meinung nach der Euro-Atlantische Partnerschaftsrat spielen?


Der Euro-Atlantische Partnerschaftsrat spielt insofern eine positive Rolle, als er die ehemaligen sowjetischen Republiken wieder zusammenführt und sie ermutigt, auch nach der Erlangung ihrer Unabhängigkeit politisch zusammenzuarbeiten. Die Partnerschaftsstrukturen fördern zudem eine gewisse Integration auf militärischer Ebene. Wir sollten auf diesem Weg der regionalen Konsolidierung, Integration und Zusammenarbeit weitergehen.


Haben Sie bei der NATO viel erlebt, was Sie zu künftigen Romanen inspirieren könnte? Können wir davon ausgehen, dass einer Ihrer künftigen Romane in Brüssel spielen wird?


Es ist klar, dass sich mein Schaffenshorizont erweitert hat und meine Erfahrungen möglicherweise ihren Niederschlag in meiner schriftstellerischen Arbeit finden werden - falls ich jemals wieder Zeit dafür bekomme. Künftige Bücher könnten durchaus auf die eine oder andere Weise meine neue Sicht der NATO in der Zeit nach dem Ende des Kalten Krieges zum Ausdruck bringen und Kommentare zur neuen Rolle der NATO in der heutigen Welt enthalten. Denkbar ist auch, dass künftige Romanfiguren nach Brüssel kommen und dort mit der NATO zu tun haben. Wie ich kämen sie wahrscheinlich mit einer vorgefassten Meinung von der NATO als einem riesigen militärisch-technologischen Komplex, der in einem imposanten Gebäude in der Art des Pentagons oder des Moskauer Verteidigungsministeriums untergebracht ist, und müssten dann feststellen, dass es sich um eine recht kleine, bescheidene Organisation handelt, die von nüchterner Rationalität und von der Entschlossenheit geprägt ist, aktiv zu werden, wenn es nötig ist.

Mit Cingiz Ajtmatov sprach Vicki Nielsen aus der Redaktion des NATO Briefs.

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