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Deutliche Worte: Vor der Operation Iraqi Freedom wurden über Irak mehr als 40 Mill. Flugblätter abgeworfen und während der Operation noch einmal genauso viele.
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Oberstleutnant Steven Collins analysiert die Maßnahmen im Rahmen des "Perception Management" (Meinungssteuerung), die von den Verbündeten des Irakkrieges vor, während und nach der Operation "Iraqi Freedom" getroffen wurden, sowie deren Konsequenzen für die NATO.
In den nächsten Monaten und Jahren werden die Experten zweifellos jeden Aspekt der 27 Tage vom 20. März (und dem Versuch, das irakische Regime zu stürzen) bis zum Fall von Tikrit am 15. April genauestens untersuchen, um daraus so viele Lehren wie nur eben möglich zu ziehen. Ein nicht zu vernachlässigender Bereich mit eindeutigen Konsequenzen für die NATO besteht in den Maßnahmen, mit denen die gegen Irak verbündeten Staaten die Ansichten und Überlegungen der Öffentlichkeit in anderen Ländern und insbesondere in Irak vor, während und nach der Operation Iraqi Freedom zu beeinflussen versuchten.
Sowohl die Operation Iraqi Freedom als auch die eigenen Erfahrungen der NATO auf dem Balkan ließen die Bedeutung des "Perception Management" (Meinungssteuerung) erkennen. Beide Fälle zeigten, dass Mittel zur Nutzung dieser Möglichkeit der Machtausübung entwickelt und zugleich Maßnahmen getroffen werden müssen, die einen Staat vor deren Einsatz durch den Feind sowie vor anderen asymmetrischen politischen und militärischen Fähigkeiten schützen. In dem Maße, wie die NATO ihre militärische Struktur umgestaltet und neue Aufgaben übernimmt, die über die traditionellen Bereiche hinausgehen, werden derartige Fähigkeiten für Operationen des Bündnisses immer wichtiger werden. "Perception Management" umfasst alle Maßnahmen, die zur Beeinflussung der Ansichten und Überlegungen der Öffentlichkeit anderer Staaten eingesetzt werden, und besteht aus "Public Diplomacy", Operationen im Rahmen der Psychologischen Verteidigung (PSV), öffentlicher Information, Täuschungsmaßnahmen und verdeckten Operationen. Im Fall der Operation Iraqi Freedom sind "Public Diplomacy" (der gezielte Versuch, die Öffentlichkeit anderer Staaten von der eigenen Politik, Zielsetzung und Vorgehensweise und deren Vorzügen zu überzeugen) und PSV (aktive Maßnahmen - vorwiegend Medienarbeit - mit dem Ziel, die Öffentlichkeit anderer Staaten zu beeinflussen und von der eigenen Sache zu überzeugen) von besonderem Interesse.
Seit den Terrorangriffen vom 11. September 2001 haben die Vereinigten Staaten versucht, ihre Fähigkeiten auf dem Gebiet der "Public Diplomacy" zu verbessern. Während der 90er Jahre hatte man diese Fähigkeiten verkümmern lassen, da Washington es im Gegensatz zur Zeit des Kalten Krieges nicht für so nötig hielt, seine Politik weltweit zu vertreten und auf den guten Willen der internationalen Öffentlichkeit hinzuarbeiten. Heute erarbeitet das Amt für globale Kommunikation (Office of Global Communications) der amerikanischen Regierung auf höchster Ebene Leitlinien für alle Bemühungen, die darauf abzielen, eine insgesamt positive Haltung gegenüber der Politik und den Verteidigungsmaßnahmen der Vereinigten Staaten herbeizuführen. Zudem koordiniert die Politische Gruppe des Nationalen Sicherheitsrats der Vereinigten Staaten die politischen Grundsätze und Verlautbarungen des Weißen Hauses, so dass die Regierung, das Amt für "Public Diplomacy" des Außenministeriums und das Pentagon eine einheitliche Linie vertreten. Gemeinsam haben diese Gremien das am sorgfältigsten koordinierte und finanziell am besten ausgestattete strategische Meinungssteuerungsinstrument der Vereinigten Staaten seit den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts aufgebaut. Seine Arbeit konzentriert sich auf die islamische Welt, und mehr als 750 Mill. US-Dollar stehen allein für den Nahen und Mittleren Osten zur Verfügung.
Trotz dieser enormen Anstrengungen hatte die amerikanische "Public Diplomacy" vor der Operation Iraqi Freedom kaum Erfolge vorzuweisen. Die 78-minütige Rede des amerikanischen Außenministers Colin Powell vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, die in alle Welt direkt übertragen wurde, konnte am 5. Februar nicht die Vertreter zentraler Mitglieder des Sicherheitsrats - Deutschlands, Frankreichs und Russlands - davon überzeugen, dass sofort militärische Maßnahmen gegen Irak einzuleiten wären. Im Gegensatz dazu begegnete man der darauf folgenden Rede des französischen Außenministers Dominique de Villepin vor den Vereinten Nationen, in der er jeden einzelnen Aspekt der Darlegungen des amerikanischen Außenministers in Frage stellte, mit Jubel und heftigem Applaus. Folglich hatten das Vereinigte Königreich und die Vereinigten Staaten kaum Erfolg bei ihren Bemühungen, sich die Unterstützung seitens ihrer traditionellen Bündnispartner zu sichern, und eine zweite Resolution mit einem Mandat für militärische Maßnahmen gegen Irak wurde nie zur Abstimmung vorgelegt, da sie offensichtlich nicht die nötige Stimmenzahl erzielt hätte.
In der islamischen Welt hat die "Public Diplomacy" der amerikanischen Regierung bisher nicht viel bewirken können. Sofortige positive Ergebnisse sind vielleicht sogar unmöglich. Eine wirksame "Public Diplomacy" setzt nämlich anhaltende Bemühungen und eine langfristige Perspektive voraus. Auf absehbare Zeit gilt daher, was Osama Sibliani, der Herausgeber der Arab American News, einmal festgestellt hat: " Die Vereinigten Staaten könnten Mohammed selbst als Experten für ihre ,Public Diplomacy' einsetzen, und es würde nichts nützen." Ein Instrument mit einer viel versprechenden Zukunft ist vielleicht Radio Sawa (Radio Gemeinsam), ein vom amerikanischen Kongress finanzierter Sender mit Berichten über die arabische Welt und sowohl arabischer Musik als auch westlicher Popmusik, in die aus amerikanischer Sicht dargestellte Nachrichten eingestreut werden. Schon wenige Monate nach dem Debüt (2002) erklärten die Befürworter dieses Senders, er sei unter jungen Arabern einer der populärsten.
Während der militärischen Operationen in Irak versuchten die gegen dieses Land verbündeten Staaten, die internationale Haltung gegenüber dem Konflikt durch eine Vielzahl von Maßnahmen zu ihren Gunsten zu beeinflussen, auch durch das "Einpflanzen" von Reportern in zu entsendende militärische Einheiten. Obwohl der diesbezügliche Beschluss zunächst recht umstritten war, erwies er sich rückblickend aus mehreren Gründen als eine ausgezeichnete Maßnahme. Erstens waren Reporter, die eine "Einpflanzung" anstrebten, zur Absolvierung einer Art Grundausbildung gezwungen, durch die viele einen ersten Einblick in die Herausforderungen erhielten, mit denen ein Soldat in der Regel konfrontiert ist. Zweitens führte diese Methode unweigerlich zu einer Anbindung der Reporter an die Einheiten, über die sie jeweils berichteten. Und drittens war das "Einpflanzen" sinnvoll, weil es die Sicherheit der Reporter gewährleistete und zum ersten Mal in aller Welt eine "Echtzeit-Kriegsberichterstattung" ermöglichte. Wegen des rasch veränderlichen Charakters der Operation Iraqi Freedom wären wahrscheinlich viel mehr Reporter getötet oder gefangen genommen worden, wenn sie sich ohne Einschränkungen auf dem Gefechtsfeld hätten bewegen können.
Ein Faktor, der Bemühungen um die Beeinflussung der Weltöffentlichkeit entgegenwirkt, besteht in der zunehmenden Verbreitung von Nachrichtenquellen. Vor allem durch die zunehmende Zahl von satellitengestützten Fernsehnachrichtensendern und Internetverbindungen wird es immer schwieriger, Ansichten und Einstellungen weltweit oder auch nur regional zu beeinflussen. Der explosionsartige Anstieg der Zahl von Nachrichtenanbietern ermöglicht, dass man immer die Nachrichten sieht oder liest, mit denen die eigenen Vorurteile und vorgefassten Meinungen bestätigt werden. Ein arabischer Zuschauer, der die CNN-Berichterstattung als Gegensatz zu seinen eigenen Nachrichtenpräferenzen empfindet, kann auf den arabischen Satellitensender Al Jazeera umschalten und sich ein Weltbild präsentieren lassen, das vielleicht eher mit seinem eigenen vereinbar ist.
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| Durch die zunehmende Zahl von satellitengestützten Fernsehnachrichtensendern und Internetverbindungen wird es immer schwieriger, Ansichten und Einstellungen weltweit zu beeinflussen. |
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Einigen Berichten zufolge erkannte die irakische Informationsagentur während des Konflikts die Macht von Al Jazeera und ging sogar so weit, dass sie ihre Agenten in diesen Sender einschleuste, damit diese der Berichterstattung eine eher proirakische Note verleihen konnten. Ebenso versuchten die gegen Irak verbündeten Staaten, die Nachrichtensendungen des irakischen Fernsehens durch Bomben und elektronische Störmanöver auszuschalten, wobei sie in gleichem Maße (wenn nicht sogar noch stärker) an den Auswirkungen dieser Maßnahme außerhalb Iraks wie an den Auswirkungen in Irak selbst interessiert waren.
PSV
Während man bei der "Public Diplomacy" auf strategischer Ebene höchstens von einem halben Erfolg sprechen kann, war der militärische Einsatz der PSV auf operationeller und taktischer Ebene erfolgreicher. Die Nutzung von Massenmedien (z.B. Rundfunk, Flugblätter, gezielt einsetzbare Medien wie E-Mails an zentrale Entscheidungsträger, Lautsprecher während Bodenoperationen) scheint von großer Bedeutung gewesen zu sein.
Vor dem ersten Angriff am 20. März wurden mehr als 40 Millionen Flugblätter über Irak abgeworfen, und während der Operationen wurden noch einmal mindestens 40 Millionen abgeworfen. Manche Flugblätter drohten, jeder militärische Verband, der Widerstand leisten und kämpfen wolle, würde vernichtet, während andere die irakische Bevölkerung und das Militär aufforderten, die Anweisungen des Baath-Regimes zu missachten. Rückblickend scheinen sie durchaus die beabsichtigte Wirkung gehabt zu haben. Wie bei allen PSV-Maßnahmen besteht das Problem darin, dass es schwierig ist, einer während eines Krieges vorgenommenen Handlung einen eindeutigen Platz in einer Kausalkette zuzuweisen. Löste sich das irakische Militär angesichts der Streitkräfte der gegen Irak verbündeten Staaten in erster Linie wegen deren PSV-Operationen auf oder wegen der Bombardierung durch Flugzeuge dieser Staaten oder wegen der fehlenden logistischen Unterstützung - oder infolge des Zusammentreffens aller drei Faktoren? Wie sich die Rolle der PSV-Operationen bei der Beeinflussung irakischer Ansichten und Verhaltensweisen zugunsten der gegen Irak verbündeten Staaten quantitativ erfassen lässt, ist somit nach wie vor eine wichtige ungelöste Frage.
Fest steht, dass sich nicht so viele Iraker ergaben wie 1991 während des Golfkriegs, als diese Zahl auf 70 000 anstieg. Obwohl sich am ersten Tag im Zuge der Einnahme von Umm Qasr 250 Iraker ergaben, entwickelte sich diese erste Tendenz nicht zu einer Flut von Überläufern. In den ersten Tagen des Konflikts verfolgten die Gegner Iraks wohl insgesamt einen psychologisch geprägten Kurs; sie hofften, ihre Übermacht und die präzisionsgelenkte Munition würden den Gegner "in Angst und Schrecken versetzen" und das irakische Regime würde wie ein Kartenhaus zusammenfallen. Durch das Scheitern dieser Schocktherapie waren die konventionellen Streitkräfte der Vereinigten Staaten dann gezwungen, ihre Strategie zu ändern - zweifellos veranlasste dies auch eine Überprüfung der Themen und Botschaften der PSV-Kräfte - und sich mehr auf eine kontinuierliche Gefechtsführung und Druckausübung zu verlassen, statt ihre Hoffnung auf einen einzigen, entscheidenden K.-o.-Schlag zu setzen.
Zu den PSV-Massenmedien, die von den Gegner Iraks sehr intensiv genutzt wurden, zählte neben den Flugblättern der Rundfunk. Bei Sendungen von stationären Funktürmen wie auch von luftgestützten Funkstationen auf dem Flugzeug EC-130E (Commando Solo) benutzten die gegen Irak verbündeten Staaten ähnliche Methoden wie Radio Sawa, d.h. Nachrichten und einige wenige Bekanntmachungen wurden in sehr viel Popmusik eingebettet. Dieser überall in Irak zu empfangende Sender hatte den recht einfallslosen Namen Information Radio. Ferner wurden örtliche PSV-Radiosender am Rande großer Bevölkerungszentren errichtet, darunter der britische PSV-Sender Radio Nahrein ((Zwei Flüsse), ein UKW-Sender in der Nähe von Basra. Neben der Errichtung eigener Sender versuchten die Gegner Iraks, irakische Rundfunksendungen elektronisch zu stören, um so bezüglich der irakischen Bevölkerung ein Informationsmonopol im Rundfunkbereich zu erlangen.
Die bisher beschriebenen PSV-Maßnahmen sind alle Beispiele für die sogenannte "weiße" PSV, bei der ganz genau und offen gesagt wird, wer das Produkt finanziert. Während des Irakkonflikts wurde auch die sogenannte "schwarze" PSV eingesetzt, für die eine bestimmte Stelle als Produzent angegeben wird, die aber in Wirklichkeit einen anderen Ursprung hat. Berichten zufolge hat die amerikanische CIA schon im Februar 2003 schwarze PSV-Sender errichtet. Ein derartiger Sender, Radio Tikrit, versuchte, sich eine gewisse Glaubwürdigkeit dadurch zu sichern, dass er vorgab, von regimetreuen Irakern aus der Gegend von Tikrit geleitet zu werden; zudem hielt er sich streng an einen Pro-Saddam-Kurs. Innerhalb weniger Wochen änderte man jedoch die Linie, und der Sender äußerte sich immer kritischer zu Saddam Hussein. Bei der schwarzen PSV setzt man darauf, dass die Zielgruppe die Sache nicht durchschaut und wirklich glaubt, dass die Informationen aus der vorgetäuschten Quelle stammen, die von ihr als glaubwürdiger eingestuft wird. Die Gefahr besteht natürlich darin, dass die Glaubwürdigkeit aller PSV-Maßnahmen (sowohl der weißen als auch der schwarzen) beeinträchtigt wird, wenn der Schwindel auffliegt.
Zu den innovativeren Mitteln der PSV, die von den Gegnern Iraks im Vorfeld der Operation Iraqi Freedom eingesetzt wurden, zählten SMS und E-Mails, die direkt an zentrale Entscheidungsträger des irakischen Regimes geschickt wurden. Anfang 2003 gab es in Irak nur 60 Internet-Cafés, und die Internet-Anschlussgebühren von 25 US-Dollar pro Haushalt überstiegen die finanziellen Möglichkeiten der meisten Iraker. Zudem scheute das irakische Regime davor zurück, überall in Irak Internetanschlüsse zu ermöglichen. Daher hatten zwar viele irakische Durchschnittsbürger keinen Zugang zum Internet, aber die meisten führenden Vertreter der Baath-Partei hatten doch Zugang, und die gegen Irak verbündeten Staaten machten sich dies zunutze, um insbesondere jedem von ihnen vor Augen zu führen, was die weitere Unterstützung Saddam Husseins sowohl Irak insgesamt als auch sie persönlich kosten würde.
Taktische PSV-Elemente - PSV-Truppen mit einem Lautsprecherfahrzeug und einem Übersetzer, der direkt einer bestimmten Einheit des Heeres oder der Marineinfanterie zugeordnet ist - waren ebenfalls im Einsatz. Wie in früheren Konflikten erwiesen sich diese Einheiten als wertvolle Hilfe, da sie isolierte irakische Truppen zur Kapitulation bewegten, dazu beitrugen, die Kontrolle über irakische Gefangene aufrechtzuerhalten, und sogar Täuschungsmanöver gegenüber irakischen Streitkräften durchführten, indem sie über ihre Lautsprecher die Geräusche von Panzern und Hubschraubern verbreiteten.
Seltsamerweise scheinen die Streitkräfteplaner der Operation Iraqi Freedom kaum daran gedacht zu haben, frühzeitig eine PSV-Fähigkeit für die Zeit nach dem Krieg zu entwickeln. Folglich gelang es insbesondere in Südirak einigen irakischen Agenten, das Informationsvakuum zu füllen, und die Vereinigten Staaten engagierten dann gewerbliche Sender, um praktisch alles senden zu können, was verfügbar war, und so Abhilfe zu schaffen. Dies führte gelegentlich zu unbeabsichtigter Komik, als die amerikanischen Sender Irak nicht mehr so viel Aufmerksamkeit widmeten und die unter Vertrag genommenen Sender ihre verwunderten irakischen Zuhörer mit amerikanischen Provinznachrichten bedachten.
Vorläufige Schlussfolgerungen
Der Kampf um die Herzen wird im heutigen Irak von allen Seiten mit unverminderter Härte weitergeführt, und daran wird sich auch noch einige Jahre lang nichts ändern. In gewisser Weise wird sogar der Ausgang dieses Kampfes letztlich darüber entscheiden, ob sich der Krieg überhaupt gelohnt hat. Trotzdem lassen sich schon jetzt einige vorläufige Schlussfolgerungen aus den Operationen im Rahmen des "Perception Management" ziehen, die von den Gegnern Iraks während der Operation Iraqi Freedom durchgeführt worden sind. Die NATO sollte die Lehren aus diesem Konflikt sorgfältig analysieren und überlegen, ob im Hinblick auf ihre eigenen Bemühungen im Rahmen des "Perception Management" Änderungen bei der Planung und Ressourcenverteilung vorgenommen werden sollten. Auf der anderen Seite könnten das Vereinigte Königreich und die Vereinigten Staaten aber auch einige Lehren aus den Erfahrungen der NATO mit der Meinungssteuerung nach Konflikten ziehen.
"Public Diplomacy" ist ein schwieriges Unternehmen, das unter Umständen erst nach mehreren Jahren zum Erfolg führt.
Maßnahmen der "Public Diplomacy" führen nicht sofort zu Ergebnissen. Selbst wenn - wie in den letzten beiden Jahren in den Vereinigten Staaten - große Summen für diese Maßnahmen bereitgestellt werden und qualifiziertes Personal zur Verfügung steht, können Erfolge dünn gesät sein. Dies bedeutet jedoch nicht, dass man dem Bereich der "Public Diplomacy" keine Aufmerksamkeit widmen sollte. Tief verwurzelte Haltungen lassen sich nur ändern, wenn mit äußerst langfristiger Perspektive anhaltende Bemühungen unternommen werden.
Im PSV-Bereich besteht eine Kluft, die immer größer wird.
Bezüglich der Aufmerksamkeit, die man der PSV widmet, und den dafür bereitgestellten Mitteln besteht zwischen der NATO und ihren Mitgliedstaaten eine wachsende Kluft. Die Vereinigten Staaten verwenden beeindruckende Summen auf die Stärkung ihres PSV-Dispositivs. Belgien, Deutschland, Polen, Spanien, die Tschechische Republik und das Vereinigte Königreich bauen ihre PSV-Fähigkeiten ebenfalls aus. Unterdessen haben die NATO-Zentrale und die Strategischen Kommandos der NATO, während sich ihre Mitglieder zu Anstrengungen im PSV-Bereich verpflichten, kaum etwas unternommen, um die PSV-Kompetenzen ihres Personals zu stärken. Die PSV ist ein Bereich, in dem sich die NATO verbessern kann und auch sollte, aber zu diesem Ziel muss sie sich erst noch bekennen.
Die PSV kann sich in der Phase nach einem Konflikt als besonders wertvoll erweisen
Nach einem Konflikt darf man die PSV nicht einfach vergessen. Da häufig ein Informationsvakuum zu füllen ist und die menschliche Psyche Beruhigung und Trost braucht, kann die PSV wirklich eine wichtige Rolle spielen. In dieser Hinsicht können die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich auch noch etwas von der NATO lernen. Die Erfahrungen, die das Bündnis sowohl in Bosnien und Herzegowina als auch im Kosovo gemacht hat, verleihen ihm eine beachtliche Sachkompetenz in Fragen der nach einem Konflikt erforderlichen PSV. Zudem befinden sich auf den PSV-Posten des SFOR- und des KFOR-Führungsstabs Personen, die Fachleute für diesen Bereich geworden sind, der sich sehr von der während eines Konflikts erforderlichen PSV unterscheiden kann. Die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich täten gut daran, die Erfahrungen der NATO mit dem "Perception Management" auf dem Balkan genau zu analysieren und sie auf ihre derzeitigen Aktivitäten in Irak anzuwenden.
Das "P"-Wort ist völlig in Ordnung
Selbst für Beobachter mit praktischer PSV-Erfahrung war es überraschend, wie häufig der Begriff "PSYOPS" (Psychological Operations - Operationen im Rahmen der PSV) während der Operation Iraqi Freedom in militärischen Verlautbarungen und von der Presse verwendet wurde. In letzter Zeit ist bei militärischen Operationen die Tendenz festzustellen gewesen, die Wortinhalte und Bedeutungen durch eine weniger klare Terminologie zu verwischen, wobei man Begriffe wie "PSYOPS" vermeidet und lieber Ausdrücke wie "Informationsoperationen" (INFO OPS) verwendet, die von manchen für weniger problematisch gehalten werden. Obwohl der Begriff "INFO OPS" vielleicht weniger scharf klingt als "PSYOPS", hat seine zunehmende Verwendung in den letzten fünf oder sechs Jahren sowie der vage Charakter der Interpretationen unter den Streitkräfteplanern zu Verwirrung geführt, und zwar so sehr, dass die beiden Begriffe Synonyme zu sein scheinen. Dies kann recht ungünstige Folgen haben. Der Ausdruck "Informationsoperationen" wird wegen seiner Doppeldeutigkeit gern zur Bezeichnung militärischer Aufgaben verwendet, die sich bisher einer Einordnung in bestimmte Kategorien entziehen konnten. Versteht man "INFO OPS" als Oberbegriff, unter den auch "PSYOPS" fällt, so verringert man häufig die Bedeutung von "PSYOPS". Dies gefährdet den direkten Zugang, den PSV-Experten zu ihrem jeweiligen Kommandeur brauchen, wenn ihre Arbeit Erfolg haben soll.
Noch größere Besorgnis erregt allerdings die Tatsache, dass die Presse und die Öffentlichkeit auf diese Wortspielerei reagieren und ihrer Verärgerung darüber Ausdruck verleihen, dass die Verwendung des Begriffs "INFO OPS" einen gezielten Versuch darstellt, den Einsatz der PSV durch Politiker zu ermöglichen, die auf diese Weise die Öffentlichkeit des eigenen Landes manipulieren wollen, so dass sie eine nicht überzeugende, unbeliebte Politik unterstützt. Hier wird möglicherweise eine gewisse Arroganz der Militärterminologen deutlich. Vor allem - und das ist entscheidend - besteht kein Zusammenhang zwischen der PSV und staatlichen Informationsaktivitäten, die auf die Weltöffentlichkeit sowie auf die Öffentlichkeit des jeweils eigenen Landes abzielen und um eine korrekte und wahrheitsgemäße Darstellung der Ereignisse bemüht sind. Die jüngsten Aktivitäten in Irak haben gezeigt, dass die Öffentlichkeit durchaus damit einverstanden ist, die PSV bei ihrem Namen zu nennen, solange sie - wie beabsichtigt - auf die Bevölkerung in Konfliktgebieten oder in Ländern mit Krisenbewältigungsoperationen abzielt. Die Verwendung einer "politisch korrekten" Terminologie wie INFO OPS macht vielleicht einen guten Eindruck, aber derart verwässernde Begriffe führen zu kaum mehr als zu Verwirrung und Missverständnissen.
Da das Bündnis davon ausgehen kann, dass es über längere Zeit in Gebieten operieren wird, in denen moderne einheimische Medien mit der NATO um den entscheidenden Einfluss auf die Ansichten der örtlichen Bevölkerung und der Weltöffentlichkeit konkurrieren, haben "Public Diplomacy" und die PSV sehr an Bedeutung gewonnen. Beide Bereiche verursachen relativ geringe Kosten, können jedoch zu außerordentlichen Ergebnissen führen. Die Einbeziehung der Lehren aus der Operation Iraqi Freedom in die derzeitige Neuordnung der militärischen Strukturen der NATO bietet die einzigartige Chance, die Fähigkeiten des Bündnisses im Bereich des "Perception Management" zu stärken und ferner zu verhindern, dass derartige Fähigkeiten von künftigen Gegnern wirksam gegen die NATO eingesetzt werden.
Oberstleutnant Steven Collins ist in der SHAPE-Abteilung für Operationsführung in Mons (Belgien) Leiter, Operationen im Rahmen der Psychologischen Verteidigung. |